Buhmann, Labermas, Hassenichgesehen

2009 Juni 15

Wenn ich mal groß bin und felsenfest davon überzeugt, anderen die Welt, wenn schon nicht erklären, dann wenigstens näherbringen zu können – vielleicht schlimmer noch: zu müssen – dann würde ich bestimmt Sätze schreiben, in denen ich Niklas Luhmann als den ‘Theoretiker mit dem über die Jahre indifferenten Sakko’ bezeichnen würde. Dafür müsste ich natürlich erstmal differenzieren, die einen ins Töpfchen, die anderen ins Kröpfchen, hier der Habermas, da der Antihumanist, was sich auch auf Antichrist reimt. Man sieht, einer wertenden Kategorisierung ist dabei kaum zu entkommen.

Zum Glück. Denn was sollten wir fragen, wenn es Antworten schon gäbe?

Waffen- statt Führerschein, wa?

2009 Juni 2

Opel-Fahrer haben offensichtlich Humor, angesichts der aktuellen Debatte eine bewundernswerte Mentalität. Oder wie sonst kann, soll und darf ich einen Heckscheibenaufkleber erklären, der in mit Lettern in Frakturschrift die ‘Waffenschmiede Rüsselsheim’ als Hersteller des Gefährts preist? Eine Form von subkultureller, milieuverhafteter Identitätsbildung wäre ein Ansatz, allerdings weigere ich mich zu glauben, dass dieser Zusammenhang auf einer solchen banalen Ebene liegt. Es muss ein Sinn für Humor sein, der Menschen zu so was und so was bewegt. Da bin ich felsenfest überzeugt.

Oder ander gesagt: Ich wäre es gerne.

Behaart aber fair

2009 Mai 27

Ein paar Meter die Straße hoch steht ein Werbeplakat, auf dem ein hiesiges Institut für Haarentfernung [sic!] mit der Aussage wirbt, dass neunzig Prozent der Leser eines Männermagazins der Meinung seien, sie hätten mit haarloser Brust bessere Chancen bei den Frauen. Als ich davor stehe und darüber nachdenke, ob damit die Männer gemeint sind, die gerne das Hemd bis zum Brustbein aufgeknöpft lassen, und wie sich das mit meinen Beobachtungen, dass solche Männer meistens einen Pelz zur Schau tragen, der selbst Grizzly Adams erblassen lassen würde, vereinbaren lässt, fragt mich ein älterer Herr, offenbar von meiner konzentrierten Betrachtung des Plakates angeregt, ob ich denn was merken würde. Auf meinen fragenden Blick antwortet er dann, mit einer Gewissheit, die sich nur bei passender Kombination von Lebenserfahrung und Altersstarrsinn erreichen lässt: “Neunzig Prozent der Leser eines Männermagazins!”

Und ich denke mir, wo er Recht hat, hat er Recht.

Allerdings gibt mir immer noch die Frage zu denken, ob das nun Werbung ist, die haargenau [sic!] zur Zielgruppe passt, oder ob nicht doch eher solche und andere Konstruktionen von Männlichkeit – und Weiblichkeit ebenso, wohlgemerkt – ein Ding der Vergangenheit sein müssten. Letzteres wäre mir lieber, ist wahrscheinlich aber zu optimistisch gedacht.

Den älteren Herrn übrigens, den mit der passenden Kombination aus Lebenserfahrung und Altersstarrsinn, der hat mich gar nichts gefragt und der hat mich auch nicht auf die neunzig Prozent der Leser eines Männermagazins hingewiesen, den hab ich mir nur ausgedacht.

Was wiederum gut zur Konstruktion von Männlichkeit passt.

Shhh!

2009 Mai 19
by Mark

Gerade eben, im Rahmen einer doch recht formalen Situation, wurde ich versehentlich geduzt, ohne dass es demjenigen aufgefallen wäre. Erstaunlich, wieviel potentielle Intimität – nicht die sexuelle Variante, sondern die einer kommunikativen Nähe – so ein kleiner Moment erzeugen kann, um sofort darauf wieder zu verblassen, auf das er nie wieder gesehen ward.

Soviel als kurzes Lebenszeichen, das Leben und seine Verwandtschaft sind die Sachen, die mich momentan umtreiben. Und gerade in turbulenten Zeiten ist es angebracht, mal den Mund zu halten, weil sonst alles schlimmer wird.

Jetzt muss nur noch der Rest mitmachen.

Wirklichkeit mag ein zerbrechliches Konstrukt sein, hier ist sie noch felsenfest

2009 Mai 1

Anschließend an die letzte teilnehmende Beobachtung kann ich heute folgendes anmerken: Die Menschen werden auch mit zunehmenden Alter nicht klüger. Und einen besseren Sinn für Humor scheinen sie auch nicht zu entwickeln, zumindest wenn ich das nach der Alphakrawatte einschätze, die gestern vor mir in der Schlange beim Bäcker stand. Die flüsterte angesichts eines butterbrezenfordernden Vordränglers mit größerer Krawatte den anwesenden Kollegen zu, dass das offenbar ein Vorbote der sich abzeichnenden sozialen Unruhen, von denen gerade überall die Rede sei, sein müsste. Gelächter folgte.

Trotz gelungener Pointe, für mich ist das wirklich Schlimme an dieser Art Humor, gepaart mit dem entsprechenden Habitus, nicht die Ignoranz, nicht der Zynismus, und auch nicht die wissende Bestätigung der eigenen gesicherten Position. Sondern der banale Umstand, dass an diesem Ort und unter diesen Leuten soziale Unruhen sich immer darauf beschränken werden, dass sich ein Stärkerer – oder wahlweise auch der Pöbel, Flexibilität ist in diesem Zusammenhang eine nicht zu verachtende Tugend – sich beim Bäcker in die Schlange mogelt.

Diese potentiellen FDP-Wähler sollten mehr Dahrendorf lesen, denke ich.

Und ich sollte mich von Büroturmsiedlungen fernhalten.

Die Eliten von morgen sind die Kinder von heute

2009 April 20

“Ich meine, der hats so schön gerade. Die machen da ja Kurzarbeit und stell Dir das mal vor, der bekommt achtzig Prozent eines normalen Gehalts, das ist schon einiges, und hat dafür immer so ein, zwei Tage frei.”

— ”Das ist ja wirklich sooo cool!”

“Ja, nicht? Das hab ich ihm auch gesagt, da meinte er nur, so genau wär das nicht. Weil er ja schließlich nicht weiß, ob er den Job nächsten Monat noch hat und ob und wie. Trotzdem, für die Kohle würd ich auch kurzarbeiten, auch wenn ich nicht darauf angewiesen bin.”

— “Stimmt, das geht nur, solang man nicht darauf angewiesen ist.”

Das hier ist eine Universitätsstadt. Und es ist wieder Beginn des Semesters. Dazu kommt der Sommer, der sowieso immer die leichtere Seite des Lebens hervorbringt — ganz zu schweigen von den leichtgewichtigen Wirtschaftswissenschaftlern Ende zwanzig, die der Sommer auf die Straße treibt wie im Herbst der Bauer die Kühe beim Almabtrieb — und das Wald- und Wiesenverständnis von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zusammenhängen feiert fröhliche Urstände.

“Mit extra Milchschaum, bitte.”

Das hier ist eine Universitätsstadt. Leider.

Nicht Littbarski, der Andere!

2009 April 18

Von Seiten des deutschen Autors Günther Grass wird ihm gar in einem TV-Gespräch vorgehalten, in seinen wissenschaftlichen Analysen keinen Humor gezeigt zu haben, was Bourdieu einigermaßen die Sprache verschlägt. Später soll der Soziologe vorgeschlagen haben, die Aufzeichnung zu stehlen und zu verbrennen.

Ich würde beinahe behaupten wollen, dass damit das Gegenteil bewiesen ist.

Ein Festival der guten Launen

2009 April 16

Die Nachberichterstattung von der Heimatfront kann nur eine kleine, nennenswerte Begebenheit festhalten: Gute Stimmung, und damit ist explizit die bierselige Rückentwicklung von Menschen in einen Zustand, der sogar dem dümmsten Primaten ein schwerlich zu leugnendes Gefühl intellektueller Überlegenheit vermitteln könnte, gemeint, diese gute Stimmung scheint es im Rahmen schwäbischer Kleinstädterei nur zu geben, wenn der Güllekönig von Radio 7 eine Runde Freibier stiftet. Sonst findet die gute Stimmung eher in den eigenen vier Wänden statt, in denen dann ausgelassen gefeiert wird – wenn nicht gerade die Ehefrau verhauen wird.

Oder gar beides gleichzeitig.

Nun gut, aber was will man erwarten von einem Menschenschlag, den man vermutlich dafür verantwortlich machen kann, dass die FDP ernsthaft als alternative Kraft verstanden wird? Diese Maxi-Cosi-Mentalität der Mittelschicht zeigt ihr Gesicht selten so offensichtlich wie an dem Ort, an dem sich Fuchs und Hase erst dann Gute Nacht sagen, wenn der neue Daimler frisch gewachst vor dem Reihenhaus steht. Zum Glück ein Ort, an dem ich nur abschnittsweise verweile.

Paradoxerweise könnte ich mir aber durchaus vorstellen dort zu leben.

Die Landschaft ist recht ansehnlich.

Der Appetit des Kriegsberichterstatters

2009 April 10

Die Welt ohne Grenzen hat sich – so scheint es zumindest im schwäbischen Hinterland – noch nicht durchgesetzt. Dort ist Globalisierung allenfalls das, was in Stuttgart passiert, wenn eine kleinere oder größere Berühmtheit dort halt macht: Verkehrsstockungen, keine Parkplätze und am nächsten Morgen räumen die Straßenfeger den Müll weg.

Man könnte viel schreiben über die Eigenheiten der schwäbischen Bezugnahme auf das, was in der großen Welt – also alles außerhalb der eigenen Reihenhaussiedlung – so passiert, von dem kleinen Stolz, wenn man am Stammtisch sagen kann, dass Turbinen, an denen man selbst und die eigenen Kinder geschraubt haben, Öltanker über die Weltmeere und vielleicht auch in die Hände afrikanischer Piraten schicken, bis hin zur eklatanten Verbohrtheit, die jedem Migranten mit der Anmerkung, dass man es vielleicht in seinem Heimatland so machen könne, aber hier sei man schließlich woanders, noch jahrelang die verpasste Kehrwoche vorhalten würde.

Da passt es wunderbar ins Bild, dass ich gerade am Telefon erfuhr, dass mein Vater – ein Schwabe mit Migrationshintergrund, wenn man so sagen will, und solche Konny Reimanns sind ja immer die schlimmsten – beim österlichen Restaurantbesuch fehlen wird. Es wird gemutmaßt, dass die Wahl des Speiseortes, die auf ein neu eröffnetes chinesisches Restaurant in einer angrenzenden, unbedeutend größeren Gemeinde fiel, die Ursache hierfür sein könnte.

Nun will ich ihm hier keine Xenophobie oder ähnliches unterstellen, es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass dies ein Umstand ist, wie er schwäbischer nicht sein könnte: Wenn außerhalb vom Ländle die Welt nur noch als Projektion der eigenen Regionalität existiert, dann ist chinesisches Essen noch nicht einmal die kulinarische Variante des konstruierten Anderen. Im Gegenteil, es ist einfach alles mögliche, bis auf eines: etwas, das als Essen für Menschen – das ist in diesem Fall gleichbedeutend mit Schwaben – kategorisiert wird.

Was so gesehen noch viel, viel schlimmer ist.

Fritz langts

2009 April 2
by Mark

Irgendwo, so scheint es mir, zwischen Mario Barth als Minimalkonsens des Lustigen und dem nächsten guten Nazi, der gar nicht so schlimm war, und eigentlich, hach, das waren Menschen wie Du und Ich, irgendwo zwischen diesen Polen ist das deutsche Kino verloren gegangen. Und wenn das – ein netter Junge, der alles ist, nur nicht lustig, und ein nickelbebrillter Anwärter auf den Bayrischen Filmpreis – unsere Helden sind, dann möchte ich nicht, dass deren Denkmäler mit meinen Steuergeldern finanziert werden.

Sehr geehrter Herr Amazon-Empfehlungsservice,

2009 April 1

Mit Freude las ich bisher die mir von Ihnen zugesandten Empfehlungen über Neuheiten auf dem Büchermarkt. Da ich selten Bücher erstehe, die mich nicht interessieren, die ich nicht lesen möchte und deren Lektüre ich vielleicht sogar bereue, waren Ihre Empfehlungen bisher durchaus treffsicher und ich konnte mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dort ein interessantes Buch – auch wenn ich die meisten Empfehlungen natürlich schon kannte, man bildet sich ja nicht umsonst etwas auf seine Belesenheit ein – oder gar eine erstehenswerte Neuerscheinung zu finden.

Mit Ihrer letzten Depesche haben Sie allerdings mein Vertrauen, welches ich in Sie setzte, zutiefst enttäuscht. Da empfehlen Sie mir ein Buch, dessen Klappentext reißerischer nicht sein könnte und dessen Inhalt, trotz aller wirklichkeitskonstruierender Raffinesse, einfach nur, und das wissen wir alle, erstunken und erlogen sein muss. Sollten Sie weitere Empfehlungen dieser Art an vielleicht nicht so informierte Mitbürger versenden, so nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass ich Sie und ihre Firma dann nach allen zu meiner Verfügung stehenden Kräften boykottieren werde.

Ich werde stattdessen meine Bücher bei Weltbild, Thalia oder vom Kopp Verlag kaufen.

Hochachtungsvoll,
Ein enttäuschter Kunde