Es ist ein dunkler Tag; ohne die grauen Wolken wäre der Himmel blau und die Felder unter alles überdeckendem Schnee begraben. Bis hin zum Waldrand sind entlang der Straße nur kleine schwarze Punkte zu sehen, die Spitzen der Begrenzungspfeiler. Wochen vorher wurden diese an den Straßenrändern aufgestellt. Ich vermute, um den Schneepflugfahrer davon abzuhalten, geradeaus bis zu dem Punkt zu fahren, an dem sich die Linien treffen. Denn da wartet der gut befüllte Flachmann, sein Ziel, das es in den behandschuhten Händen zu halten gilt.
Ich bin 9 Jahre alt und allein auf der Welt. Zumindest kommt es mir so vor; es ist einer der ersten Sonntagnachmittage, die ich allein verbringen darf. Ich habe ein unbestimmtes Gefühl, als ob alles nicht so richtig hier wäre, durchscheinend meine ich eine Struktur hinter den Dingen zu erkennen. Es ist das erste Mal, meine Welt ist einen Schritt näher gerückt und hat mich dabei meiner Freiheit beraubt.
Der Wind heult wie ein junger Hund um die Häuser und ich sitze im elterlichen Wohnzimmer. Sehe vor mir auf dem Fernseher Muster vorbeiflackern. Muster die etwas bedeuten, von denen ich aber nur einen geringen Teil fassen kann. Von oben nach unten laufend, auf dunkelblauem Hintergrund hellblaue Worte und Zahlen - es scheinen sich Bilder dahinter zu verbergen. Mit den Fingern auf den Tasten bin ich auf dem Weg, dahin wo die Linien zusammenfinden, sich die Muster in Sinn auflösen und der Horizont zu Ende ist.
Die Tasten klackern - noch langsam, aber ich werde immer schneller. Je mehr sich die Muster öffnen und eine neue Welt sich offenbart, desto mehr wird auch der große Betrug sichtbar: das Ende der Linien bleibt weit entfernt, unerreichbar für uns alle. Es ist ein Gefühl, als ob ich mir die Ohren zuhalte und in Sekundenbruchteilen das Rauschen des Universums höre, gedämpft wie durch gefütterte Ohrenschützer. Ein kurzer Moment. Zu kurz.
Das restliche Tageslicht ist verschwunden, mein Gesicht wird nur noch flimmernd vom Bildschirm erhellt. Jetzt wird es sich zeigen. Meine Finger bewegen sich. Eine Taste. Dann die Zweite. Alles in Großbuchstaben. LOAD “TRON”. Danach die Taste, die allem hinter dem Bildschirm Leben einhaucht. Klack. PRESS PLAY ON TAPE. Die Kassette schnurrt los, während ich an den kaum zu sehenden Begrenzungspfeilern entlang gehe, beinah versinkend im Schnee. FOUND TRON. Die Linien treffen sich, meine Hände zittern. Ich bin fast da, kann den Punkt schon fast mit den Händen greifen. RUN. Und bin schon weit darüber hinaus, die Linien konvergieren; wie auch ich den Halt verliere. Noch mal. Nur noch einmal.
Es war die Zeit, als es in den Computerzeitschriften noch seitenlange Strecken mit Programmen gab, die man selber abtippen konnte. Meine Waffe war der C16 meines großen Bruders (Danke!), aufgerüstet auf maximale 64KB Arbeitsspeicher. Für 3 Minuten Feuertaufe hatte ich den ganzen Tag getippt, 17 Tastenanschläge per Minute. Dann hab ich aus Versehen die Datasette gelöscht. Und folgerichtig den ganzen Abend geheult, unverstanden von der Familie, die sich wahrscheinlich schon damals mit mir abgefunden hatte. Und nicht verstehen konnte, dass innerhalb eines Tages ein Universum geboren wurde, sich ausdehnte und in einem erhabenen Moment wieder in sich zusammenfiel.
Manchmal hab ich Datasetten in meinem normalen, winzig kleinen Kassettenrekorder abgespielt. Dann bekam ich eine infernalische Mischung aus Piepen und Surren zu hören. Darunter - fast unhörbar - die Stimmen einer anderen Welt. Einer neuen Welt. Ich höre sie, kann sie aber bis heute nicht verstehen.
