Agenturpunker

Nirgends ist die Deppenquote höher als im Marketing- und PR-Sektor. Zumindest scheint es mir so. Aber mal von Anfang an. Vor einer halben Stunde auf dieses Buch gestoßen, das so gegen Ende Februar erscheinen soll. Zuerst mal beim Stichwort Punk allergisch reagiert, bei dessen Zweckentfremdung geht mir ja immer die Hutschnur; vor allem in Kombination mit dem Begriff Marketing. Hölle. Aber schauen wir erst mal was das Ganze denn sein soll:

In Punk Marketing, published by venerable HarperCollins, Laermer and Simmons take an irreverent penetrating look at the seismic change in the relationship between people who sell stuff - products, services, entertainment - and those who purchase it. They demonstrate that to survive in business, a revolutionary approach is needed - one they have branded “Punk Marketing” - and it’s one we all need to understand for the traditional divisions among commerce, content and consumers are continuing to blur ever more rapidly.

Aha, die Grenzen verschwimmen. Ich bin also bald mein eigener Inhalt und mein eigener Kommerz. Verdammt, dabei komm ich doch schon mit meinem eigenen inneren Schweinehund nicht klar. Und jetzt auch noch das?

Auf der zugehörigen Website kann man dann noch kurze Auszüge und das Manifest lesen. Ja, das Punk Marketing-Manifest, ganz schön revolutionär - möchte man meinen - was Richard Laermer und Mark Simmons da köcheln. Aber bei genauerem Hinblicken wird schnell deutlich, dass da nur eine weitere Verschwendung von Platz im öffentlichen Kulturraum ablaufen wird - eine Gebrauchsanweisung für einen Nagelclipper hätte den Platz auf diesen Seiten eher verdient. Statt realem Gebrauchswert gibts nur virales Marketing hier, Werbung in Second Life da, und an der Ecke steht auch die Product Placement-Hure. Was anderes kann man auch gar nicht erwarten. Damit wird sich dieses Buch in das große Archiv der dummdreisten Weisheiten einreihen, noch vor den Lovemarks.

Gegenreaktionen vom Establishment scheinen wohl auch schon online vertreten zu sein, unter punkstinks.com wird anonym gegen das Konzept des Punk Marketing Front gemacht.

Boycott the new book Punk Marketing and its ludicrous approach to marketing…Join us in boycotting this work of fiction in the guise of a business book and all that it stands for. People tell US we don’t know what we’re doing? Gimme a break.

Oder etwa nicht? Spätestens hier sollten die Alarmglocken läuten, also schnell eine Whois-Abfrage gemacht. Schlau, da findet man nichts raus. Also kurz die herkömmlichen Verdächtigen befragt, und wir finden eine klitzekleine Anzeige bei Craigslist. Ein Praktikantengesuch, lockere 5 Dollar die Stunde für dieses hier:

Mark and Richard need a punk (Mohawk optional, but they expect you to know Clash lyrics) to spearhead two initiatives: First, they’re going on tour (in a VW bus) to spread word of the Revolution and need someone to plan this itinerary, identify venues, and tell us which Waffle Houses to avoid. Second, they are enacting online vehicles–PUNKSTINKS and AWARDAWARDS and CAPTIVE CONSUMER are three–that must be populated with some fabulous functionality.

Also mal nicht die gefakte Lobpreisung des eigenen Produkts, wie sie öfter im Internet betrieben wird. Eher das Gegenteil. Ob das gewitzt und clever ist? Eher das Gegenteil. Denn daran gekoppelt findet man bei Youtube bis jetzt zwei kurze Videos, die - wohl mit der Hoffnung auf rapide Verbreitung - an das bekannte Lustig, muss ich in meinem Blog veröffentlichen und allen meinen Freunden schicken-Phänomen anknüpfen sollen. Dabei aber in ihrer Absichtlichkeit nur strunzdumm und/oder offensichtlich sind. Und armseligerweise auch noch mit Lindsay Lohan getaggt sind.

Somit schießt sich die Marketingkampagne 2.0 selbst in den Fuß. Der ist auch kaum zu verfehlen, schließlich gehört er hier dem sprichwörtlichen Elefanten im Porzellanladen. So bleibt es nur ein erbärmlicher Versuch; Gekonnt sieht anders aus. Das beweisen immer wieder die Yes Men. Aber die haben auch so was wie Integrität und stehen auf der richtigen Seite.

Um wieder zum Anfang zurück zu kommen: nirgends ist die Deppenquote größer, wobei ich anstandshalber zugeben muss, in diesem Bereich auch einige Leute zu kennen und sogar zu meinen guten Freunden zu zählen, die nicht scheiße sind. Im Gegenteil, sich einen gesunden Menschenverstand und die nötige Dosis Empathie bewahrt haben. Laermer und Simmons gehören da aber nicht dazu.

Nichts Schlimmeres als Kreative, die auch mal Punks waren oder meinten es zu sein. Heute aber mit ihren schicken Macs in Loftbüros hausen und keinerlei Bereicherung für die Welt sind. Macht was Sinnvolles oder bleibt mir vom Leib.

Und warum mich das so sauer macht? Darauf gibt Mark Federman in einem Artikel in der kanadischen National Post eine Antwort:

But in the short term, he says, online deceptions…have the potential to erode trust in events or moments that seem to be free of artifice or marketing interests.

Da habt ihrs, es gibt noch Authentizität. Und das ist gut so. Der Anteil an Lügen und Fakes in meinem täglichen Leben ist schon groß genug, i don’t need anymore. Marketing kann nie Punk sein.

Golfen übrigens auch nicht.

2 Trackbacks

  1. Von Agenturpunker die Zweite « m.arschflugkoerper am 5 März, 2007 um 18:17 Uhr nachmittags

    [...] März 2007 Punk Marketing , punkrock , punk Über Punk Marketing hab ich mich schon mal ausgelassen, dazu aber noch mal was gefunden. Aaron Cynic schrieb zu diesem unsäglichen Punk Buch das hier: [...]

  2. Von Oder doch lieber neue Schuhe? « m.arschflugkoerper am 4 April, 2007 um 19:07 Uhr nachmittags

    [...] stehe. Vielleicht auch nur, weil ich jetzt denke, dass die denken, dass ich uncool bin. Oder so etwas dabei rauskommt. Psychologische Tiefenanalyse wie Kommasetzung also: mehr Brecht als schlecht. [...]

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