Weitere besondere Auffälligkeiten während des Familienbesuchs gab es kaum. Nur eines ist mir im Gedächtnis geblieben: ich saß am Tisch und entfernte ein kleines Kettchen, vielleicht einen Zentimeter lang, von meinem Schlüsselbund und ließ es auf dem Tisch liegen, mit der Absicht, es beim nächsten Gang zum Mülleimer zu entsorgen. Vorher hing da das kleine Plastikding dran, mit dem die Wegfahrsperre meines Autos entriegelt wird. Diese fünf Gramm Altmetall fielen nun meinem Vater ins Auge.
Was denn das sei war die erste Frage. Ich erklärte es ihm, unterstreichend mit dem Hinweis, dass das daran befestigte Plastikding schon zweimal abgefallen war, da die Kettenglieder sich in der Hosentasche ständig aufbogen. Die folgende Frage war trotz meiner Erklärungen unumgänglich: ob ich das noch bräuchte?
Ich verneinte und wies noch mal auf die mangelnde Verarbeitungsqualität und den anzweifelbaren qualitativen Status hin. Das half jedoch nicht, wie so vieles andere wanderte das Kettchen in die Tasche meines Vaters, um - dem bin ich mir gewiss - in seinem Werkzeugschuppen den verdienten Platz zu finden. Kategorisiert und beschriftet, in einer ebenfalls zweitverwerteten Zigarrenschachtel.
Da wird dieses wertlose Ding sein restliches Leben fristen, zusammen mit unzähligen Schrauben, Gummidichtungen, Taschenrechnern, Uhren und sonstigen Dingen, die mein Vater vor dem Schrottplatz gerettet hat. Und vielleicht steckt für ihn auch ein Wert dahinter. Alles könnte irgendwann mal wichtig werden; vielleicht ist der frühe Verlust der Heimat der Auslöser für solches Verhalten geworden. Vielleicht lebt er immer noch in einer Welt, in der das was man sich aufgebaut hat mit einem Augenzwinkern wieder verschwunden ist. Ersetzt von Trümmern und Rauch, die einen in die Fremde treiben.
Vor einiger Zeit hatte ich ihn im Krankenhaus besucht, es war nicht klar ob er das überleben würde. Nur eines war klar: es behagte ihm ganz und gar nicht, gezwungenermaßen plötzlich alle Zeit der Welt zu haben. Mit seinen Erinnerungen, mit der eigenen Vergänglichkeit.
Tand, Tand / Ist das Gebilde von Menschenhand! erzählte er mir, hatte ein Lehrer in seiner Schulzeit immer wieder rezitiert. Das schien ihm das Schlimmste zu sein: das alles was er erlebt, gesehen, aufgebaut und niedergerissen hatte nicht mehr da wäre. Verschwunden in der Zeit. Vielleicht versucht er deshalb, so viel wie möglich zu hinterlassen; nicht weil er es einmal gebrauchen könnte. Sondern weil damit das Ende, das Verschwinden seines Lebens vielleicht weniger ziellos wäre. Vielleicht. Ich weiß es nicht.
Was ich weiß ist, dass - egal wie sehr wir dagegen ankämpfen oder darüber reden - es Dinge gibt, die wir nie wieder loswerden. Die uns immer begleiten werden. Bis zum Ende. Vielleicht auch darüber hinaus.

Ein Trackback
[...] streben und hoffen, dass die Erkenntnis einen nicht wie ein Vorschlaghammer trifft. So ist es meinem Vater passiert, und das ist auf die alten Tage kaum zu ertragen. Also sollte ich mich schon früh damit [...]