Menschenskinder - Children of Men

Die Welt, oder genauer gesagt England in 20 Jahren. Die Geburtenrate ist auf Null, aus nicht geklärten Umständen werden keine Kinder mehr geboren. Die Welt ist im Chaos versunken, Bombenterror und internierte Flüchtlinge sind Alltag auf den Straßen eines Londons, welches nicht apokalyptisch anmutet, sondern eher an die alltäglichen Bilder aus den Krisengebieten dieser Welt erinnert. So bildet die anfängliche Bombenexplosion den Startschuss für eine Odyssee durch eine zerfallende Ordnung: Theo Faron ist der Auserwählte, der wegen seiner Kontakte in gehobene Kreise einer jungen Frau, Kee, zuerst nur sicheren Transit bis zur Küste verschaffen soll, aber nach der Entdeckung ihrer Schwangerschaft seine persönliche Berufung findet: ihr sicheres Geleit zum Erlösung versprechenden Human Project zu bieten.

Was dieses Human Project genau ist, und ob eine einzelne Schwangerschaft überhaupt die Rettung der Menschheit sein kann, dass lässt Children of Men bewusst im Dunkeln. Die katholische Erlösungsgeschichte ist zwar ein durchgängiges Motiv und wird auch des öfteren ironisch in den Dialogen aufgegriffen, bleibt aber immer auf die persönliche Reise von Theo beschränkt. Dieser wandelt sich vom anfänglichen, im Bürokratismus erstarrten Ex-Aktivisten zum toughen Soldaten des Guten; dessen Ende zwangsläufig nur messianisch sein kann.

Hindernisse stellen sich einige in den Weg: von terroristischen Untergrundgruppen, die in ihrer Skrupellosigkeit dem faschistisch angehauchten Staat und seinen Exekutivkräften in nichts nachstehen, über korrupte Grenzpolizisten bis hin zu abrupten Ausbrüchen kriegerischer Auseinandersetzungen. Getaucht in düster-urbane Bilder zerfallener Häuserblocks bilden diese den Rahmen für eine klassische Heldengeschichte. Das Ziel ist festgelegt, die Hindernisse auf dem Weg die formgebenden Leitplanken für die persönliche Reise von Theo, in dessen Figur unsere kollektiven Sehnsüchte nach einer besseren Welt gebündelt sind. Ein Gutmensch ersten Ranges könnte man ihn auch nennen.

Umgeben von Bildern, die zu frappierend unsere Vorstellungen von realen Kriegschauplätzen mit der Ästhetik des postmodernen Kriegsfilms - der nicht weiß ob er denn nun ein Antikriegsfilm sein will - verknüpfen, wird Children of Men zu einem Film, der die klassischen Plotstrukturen des Abenteuerfilms spiegelbildlich umsetzt. Diese auch an einigen Stellen wagt zu brechen, dabei aber immer seiner Genretradition verhaftet bleibt. Die Reise von Theo und Kee und ihr Ende ist von Anfang an vorgegebenen, ebenso wie die klassische Nebenfigurenkonstellation. Neben Theos älterem Freund Jasper, einer Mischung aus Mentor und Sidekick gibt es auch die zwielichtigen Figuren, die sich dann auch in entscheidenden Momenten gegen unseren Held stellen. Auffällig sind hierbei die elegant gesetzten signature moves der Nebenfiguren - so hat Jasper einen derben Witz, der es auch in emotional tragischen Momenten schafft, mit wenigen Worten diesen Charakter zu definieren.

Handwerklich - und auch von der famosen technischen Umsetzung her - kann man Children of Men nichts vorwerfen. Die Unwissenheit des Zuschauers wird meisterhaft genutzt, und die Wendepunkte sind perfekt gesetzt. Unscharf bleibt nur die politische Ebene; oder die kulturkritische. Zwar sind Anspielungen perfekt eingebunden, auch im realistisch-zukünftigen Setdesign, aber ein stringenter Argumentationsfaden lässt sich aus dieser nahtlosen Integration nicht finden. So hat Alfonso Cuaron eben nur ein Mainstreamprodukt geschaffen, davon aber ein Hervorragendes. Und mit einigen Szenen - der großartigen Steadicamsequenz zum Beispiel - kann er schon auf einen Thronplatz unter den versierten Filmhandwerkern schielen, denn die Kunst des Filmhandwerks beherrscht er anscheinend mit links. Dialoge und Symbole sind so perfekt platziert, dass auch die Brüche mit den Konventionen - wenn Figuren unerwartet das Zeitliche segnen - funktionieren.

So ist Children of Men nur große Handwerkskunst und schafft es, die Filmsprache des Blockbusters mit dem zu kombinieren, was einen guten Film ausmacht: der Rückbesinnung auf eine gute Geschichte mit lebendigen Figuren. Und Wendungen, die nicht zum Selbstzweck geschehen, sondern von der Geschichte motiviert sind. Wer mehr oder etwas anderes erwartet, wird enttäuscht sein.

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