Post

Buntertitel

In Allgemeines on 7. März 2007 by Mark Mit Tag(s) versehen: , , , , , ,

Zum Thema der Verflachung von journalistischen Standards hab ich schon – mehr oder weniger differenziert oder wahlweise polemisch – mein eigenes Ramones-Intro geschrieben: 1, 2, 3, 4!

War bisher immer noch ein kleiner Zweifel in den hintersten Ecken meines Verstandes vorhanden – es könnte ja sein, dass die Welt immer so scheiße war und ich nur aus verklärenden Erinnerungen meine eigene kleine heile Welt der Vergangenheit imaginiere – so hat sich der endgültig verflüchtigt. Nicht nur wegen Zeilen wie diesen:

„Die Lehrer forderten die Schließung ihrer Schule – 80 Prozent Ausländeranteil hatten den Unterricht unmöglich gemacht.“

Nein, das ist keine Pressemeldung der NPD, sondern aus der Einleitung zu diesem BILD-Artikel, der Kumpelzeitung von Gerhard Schröder, die auch in gehobenen und gebildeten Kreisen gerne goutiert wird. Und damit deutlich macht, dass der so genannte Boulevard mittlerweile alles verloren hat, was ihn je als legitime Form der leichten Unterhaltung ausgezeichnet hat. Wobei man natürlich vortrefflich streiten kann, ob das nicht schon immer so war – dass hinter dem Glanz und Glamour immer die Faszination am Dreck und den Abgründen lauerte.

Um auf den Anfang zurück zu kommen: das Credo des objektiven Journalismus ist obsolet geworden. In einem sich gegenseitig bedingenden System von Nachrichtenproduktion und -konsum bewegen sich beide Seiten – links die Nachrichtenproduzenten, rechts die Rezipienten – in einem Raum, in dem aus dem vielfältigen Gewirr der um Aufmerksamkeit heischenden Stimmen die herausgehört werden, die am lautesten schreien. Laut heißt hierbei die möglichst hohe Anschlussfähigkeit, realisiert durch Formen des Ausdrucks, die direkt die emotionalen Zentren ansprechen und am wenigsten Eigenarbeit erfordern. Schwarz ist das neue Weiß, und wer Grau trägt darf alleine bleiben.

Nachzuvollziehen auch in einer von der Zeit initiierten Studie, die zwar nur auf das Vereinigte Königreich beschränkt ist, aber durchaus problemlos auch auf Deutschneyland adaptierbar ist:

Allen Medien gemein ist die Neigung, immer stärker auf Emotionen zu setzen und dem Subjektiven mehr Raum zu geben.

Weiterhin würden Zusammenhänge zunehmend emotionalisiert dargestellt werden, bewusst unterstützt durch sich etablierende Formen der Belohnung von redaktioneller Arbeit, die diesem Schema folgen. Der Reporter, der sein Thema am konnektivsten – an den Bauch statt den Verstand – kommuniziert erhält als persönliche Belohnung mehr Präsenz und der Verlag / Sender / Whatever freut sich über steigende Quoten. Und das betrifft nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern auch die Öffentlich-Rechtlichen (reim dich oder ich fress dich!) und andere Instanzen der Nachrichtenverbreitung und medialen Kommunikation.

Rationaler Diskurs wird mehr und mehr durch Emotion ersetzt, eine Tendenz, die sich als „Feminisierung“ der Medien in den westlichen Gesellschaften deuten lässt.

Und das ist auch das Problem bei der Sache: gewissenhafte, gemeinnützige, sozial verträgliche oder nachhaltige Entscheidungen lassen sich – weder auf politischer, wirtschaftlicher noch sonst einer Ebene – nicht emotional treffen. Blinkende buzzwords bleiben immer nur abgeschlossene Platzhalter, die einen von vorneherein unüberschaubaren Bereich eingrenzen wollen. Akzeptiert man dies, so ist eine Beschränkung der Perspektive die unumgängliche Konsequenz.

Und so nimmt unweigerlich die Menge derer zu, die sich mit Worten bewaffnet – die im Grunde nie in der Lage sein werden, etwas ausreichend zu beschreiben – die Welt teilen in Gut und Böse. Das die größte Lüge der Menschheit die ist, Gewissheit über etwas zu haben, wird dabei um der Einfachheit willen im Keller versteckt. Würde man diese Prozesse als Kasperletheater, oder wahlweise als die Karnevalsversion von Hauser & Kienzle inszenieren, könnte das so aussehen.

Situativ spielen wir immer mit Wahrscheinlichkeiten, nie mit Gewissheiten. Und eben diese Kontingenz kann überhaupt erst Innovation begründen. Gefühl und Meinung gerne, aber bitte mit der Sahne des Zweifels, auch gerne mit Selbst davor. Und so langsam widerspreche ich meiner eigenen Einleitung, und das zu Recht. Auf Ich weiß dass ich nichts weiß ist also immer Gar nichts weißt Du! die richtige Antwort. Unter vielen, versteht sich.

Eine Antwort zu „Buntertitel“

  1. [...] M.e.d.i.e.n. Veröffentlicht 31. März 2007 Kultur 2.0 , Meinung , Medien Ungewöhnliche Eigenreflexion bei der Zeit heute. Nur das Ding mit der Verachtung von Seiten des Publikums lassen wir uns noch mal durch den Kopf gehen, ja? Die bezieht sich nämlich nur auf die Medien und Formate einer jeweilig entgegen gesetzten Gruppe – oder Schicht oder Milieu. Bezeichnungen wie auch Binnenperspektiven sind hier austauschbar. Und Gegenstand dieser Verachtung sind nie deren Medieninhalte – daran ergötzt man sich auch gerne selbst – sondern die Gruppe. Bei einem immerhin bin ich gleicher Meinung: [...]

Eine Antwort schreiben