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Funkstille

In Allgemeines on 11. März 2007 by Mark Mit Tag(s) versehen: ,

Durch den Zwischenraum kann er es sehen. Eingerahmt von dem dunklen Braun der Fensterleisten steht es da. Klein und unauffällig, wie die unschuldige Beschäftigung eines alten Mannes an seinen freien Tagen. Davon hat er jetzt viele. Zu viele, kaum kann er die Zeit ausfüllen, in diesen leeren Räumen, die er einst sein Zuhause nannte. Die Knöpfe und Skalen könnten glänzen, wären sie nicht matt von dem jahrelangen Kontakt mit seinen Händen.

In früheren Tagen war es ein Fenster in die unerreichbare Heimat. Auf unsichtbaren Straßen umkreisten seine Botschaften die Welt, wurden empfangen und niedergeschrieben, weitergeleitet, analysiert – nur Antworten bekam er nie. Vor Äonen, als er noch jung war, fand er beinahe schon so etwas wie Erfüllung dabei. Er trug seinen Teil bei, war eines der unzähligen Rädchen, die klackernd und drehend die Welt am Laufen hielten. Seine Hände waren wie Werkzeuge – Erfüllungsgehilfen des Schicksals nannte er sie scherzend. Doch in letzter Zeit waren die Scherze eher spärlich über seine Lippen gekommen.

Er erinnert sich an den gleißenden Vormittag, er war draußen gewesen. Unter denen, die sich schleichend den Anderen bemächtigt hatten. Geblendet von der hellen Sonne und den weißen Mauern konnte er ihre Augen sehen. Schwarze Punkte in fahlen Gesichtern, Tore in die Abgründe dahinter, die noch schwärzer waren als die dunkelste Finsternis. Aufatmen konnte er erst, als die Tür wieder hinter ihm zufiel.

Jetzt blickt er durch den Türrahmen in das angrenzende Zimmer. Wie immer hat jemand auf seinem Küchentisch einen Brief hinterlassen. Mit einem schnellen Ruck hat er ihn aufgerissen, das Raster von dunkelblauer Tinte auf weißem Papier bloßgelegt. Nach getaner Arbeit wird er den Brief verbrennen. Keine Spuren, das war das Erste, was sie ihm beigebracht hatten. Wenn jemand da draußen davon erfahren würde, nicht auszudenken – es wäre nicht nur für ihn allein das Ende.

Sein sonst so neutrales Gesicht zieht sich in fragende Runzeln. Die heutige Botschaft ist anders, die Muster machen keinen Sinn, zumindest kann er keinen in ihnen erkennen. Seltsam, denkt er, eigentlich müsste er Bescheid wissen, aus den Mustern eine Struktur extrahieren können. Aber dieser Brief bleibt ihm rätselhaft. Dennoch bereitet er alles vor.

Mit einem tiefen Surren beantwort das Funkgerät seine Anfrage. Die Frequenzen sind in richtig, nach wenigen Sekunden folgt die Bereitschaftsbestätigung, ein rhythmisches Summen in seinen Kopfhörern. Er neigt sich nach vorne zum Mikrofon und beginnt. Zuerst seine Kennung. Ein leichtes Kratzen im Äther signalisiert ihm den Empfang. Dann die Botschaft. Ruhig, mit sonorer Stimme und konzentriert.

So wird er es am nächsten Tag wieder machen, seine Nachrichten in die Unendlichkeit des Himmels senden. Am Tag darauf und an den folgenden Tagen ebenfalls. Nicht wissend, dass seine Stilllegung schon längst stattgefunden hat. Dass keiner mehr zuhört. Und am anderen Ende er, von verblassendem Licht umrahmt, an seinem Schreibtisch. Verloren gegangen im Räderwerk.

Eins Zwei Drei Vier

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