Computerwissenschaftler haben ein Überwachungssystem entwickelt, dass gleichzeitig auch die visual privacy des eigenen Bildes gewährleisten soll. Indem nämlich identifizierende Merkmale, hierbei vor allem das Gesicht, automatisiert verfremdet werden. Also genau das getan wird, was die Bild-Zeitung mit schöner Regelmäßigkeit vergisst. Und dieses System nennt sich Respectful Cameras - ein schön gewählter Name, der aber nicht die realen Fallen dahinter verbergen kann.
Zwar gefällt der Electronic Frontier Foundation die Idee, aber das auch nur vor dem Hintergrund einer nicht mehr zu verhindernden Etablierung technischer Überwachungssysteme. Da ist klar, dass das kleinere Übel einem eher zusagt. Da ist dann auch der erste Kritikpunkt anzusetzen: an einer Geisteshaltung, welche die umfassende Überwachung und Kontrolle von Menschen und Handlungen akzeptiert; ohne mögliche Alternativen oder zumindest das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen in die Gleichung mit einzubeziehen.
Schlimm wird es nur, wenn man sich das eigentliche Funktionsprinzip dahinter ansieht. Da die Bilderkennungstechnologie noch nicht so weit fortgeschritten ist, um automatisiert Gesichter zu erkennen, muss ein sichtbarer Marker getragen werden. Erst dadurch ist das System in der Lage, in Echtzeit das eigene Gesicht im Überwachungsbild zu definieren und zu verfremden. Eigentlich ein Ansatz, der dem Gedanken der respektvollen Überwachung entgegen läuft. Der Vorschlag dazu könnte dann auch von Monty Python kommen:
“For example, we could provide inexpensive hats of a particular color or pattern at the border of the space where the camera is present (similar to the respectful hats or leg-coverings that are made available at the entrance to churches or synagogues).“
An neongelben Mützchen können wir also in Zukunft all die Datenschutzprediger erkennen. Das hat natürlich den Vorteil, dass man Gleichgesinnte sofort erkennen kann, aber der Nachteil dürfte doch schwerer wiegen. Denn dann - gesetzt dem Fall ein solches System sollte eingeführt werden - ist der Schritt zur Gesinnungsmarkierung nicht weit. Auch wenn man das Mützchen nur wegen lästigem Nieselregen aufsetzt, so ist man doch gekennzeichnet als jemand, der potentiell mehr zu verbergen hat als derjenige ohne Kopfbedeckung. Was dann passiert ist klar, vor allem wenn man bedenkt, welche umnachteten Vorschläge unser Innenminister zu diesem Thema beizusteuern pflegt. Ich sag nur Unschuldsvermutung. Trotz aller semiotischer oder emotionaler Aufladungen, ein Begriff wie Stasi 2.0 scheint da doch recht passend. Ich warte nur bis irgendeiner mit dem Judenstern-Vergleich ankommt. Godwin ist eben überall. Und das Schlimme: dabei wäre so ein Vergleich gar nicht so verkehrt.
Die eigentlich brennende Frage dahinter, ist die nach der Instanz, welche diesen Verfremdungsschutz aufheben kann. Ist es der einzelne Beamte, der bei Verdachtsmomenten dazu befugt ist? Wenn ich an Jello Biafra in Highway 61 denke, ist das eine eher ungemütliche Regelung. Wie also soll man die administrative Instanz oder Institution dann denken? Und unter welchen Bedingungen greifen dann Mechanismen, die den Verfremdungsschutz aufheben? Wenn es nach Wolfgang ginge, wäre das eine zentralisierte Einrichtung, am besten noch gekoppelt an eine zentrale Datenbank. Und das ist etwas, das mir Angst macht. Ganz abgesehen von der Peinlichkeit, immer mit einem bescheuerten Hütchen vor die Tür gehen zu müssen.
