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G8erbahn

In Allgemeines on 26. Mai 2007 by Mark Mit Tag(s) versehen: ,

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In den nächsten Wochen wird wohl niemand darum herum kommen. Und es werden bestimmt aus tausenden Ecken die verschiedensten Meinungen abgefeuert werden. Eigentlich passiert das schon jetzt, die Flakkanonen der Meinungsfreiheit sind schon seit Wochen voll geladen, um mal die militärische Metaphorik zu bemühen. Aber sehen wir uns mal die Rolle eines G8-Gipfels in der globalisierten Welt mal genauer an:

Aus der Perspektive von voneinander isolierten Gesellschaften auf die Geschichte der Menschheit – und deren sozialer Selbstorganisation – geblickt, wird klar dass eben immer eine Vielzahl von Gesellschaftssystemen nebeneinander existierte. Betrachten wir historische Großreiche wie zum Beispiel das römische Reich oder die Kaiserdynastien in China, so können diese nur isoliert von anderen Gesellschaften gesehen werden. An den territorialen Randbezirken fand zwar Kommunikation, etwa in Form von Handel, Konflikten oder kulturellem Austausch statt, aber diese Kommunikationen blieben ohne Einfluss auf das Operieren des jeweiligen Gesellschaftssystems. Elemente der Gesellschaftsbildung waren eher interne Unterschiede und Konflikte. Noch nichts von Globalisierung zu sehen.

Noch für das siebzehnte Jahrhundert macht es keinen Sinn, Europa und China als Teil ein und derselben Gesellschaft zu behandeln. Zwar gab es gelegentliche Kommunikation, die in einem dieser Systeme produziert und im anderen verstanden oder missverstanden wurde, aber diese Kommunikation blieb relativ folgenlos und änderte nichts daran, dass diese Gesellschaftssysteme fast immer operativ gegeneinander geschlossen waren.

Diese historischen Austauschprozesse kann man vielleicht analog mit dem Modell des Wanderers bei Georg Simmel vergleichen: Der Wanderer zwischen Gesellschaften, der heute kommt und morgen geht, oder auch als Händler in der Fremde auftritt. Dabei aber für die Strukturbildung des jeweiligen Gesellschaftssystems keine oder nur sehr geringe Relevanz besitzt.

Wann aber fängt Globalisierung an? Da ist die einfachste Antwort die richtige: In dem Moment, in dem sich vormals isolierte Gesellschaftssysteme ihrer Pluralität bewusst werden und damit die Ausbildung von globalen, historisch neuen Eigenstrukturen bedingen. Diesen historisch einmaligen Moment kann man vielleicht in dem Beginn des Expanisonsprozesses der europäisch-atlantischen Gesellschaft im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert verorten, die über Kolonialisierung and andere Arten der weltweiten Partizipation den Rest der Welt greifbar machte. Sich somit nicht nur ein neues, unterschiedliches Weltbild herausbildete, sondern dies auch in reale Strukturen umgesetzt wurde – ausgehend von der europäisch-atlantischen Gesellschaft, welche über entsprechende Fähigkeiten und Ressourcen verfügte. Darunter fallen die Kontrolle über natürliche Ressourcen, aber auch die Kontrolle von Technologie und kulturellen Werten, welche als Katalysatoren für das Ausbreitungspotential dieser Gesellschaft und ihrer Formen und Strukturen wirken.

Die Weltgesellschaft beginnt in dem Augenblick, in dem eines der Gesellschaftssysteme nicht mehr akzeptiert, daß es neben ihm noch andere Gesellschaftssysteme gibt und dieses Gesellschaftssystem zusätzlich über die Instrumente […] verfügt, diese Nichtakzeptation in strukturelle Realität umzuformen. […] Es gibt danach kein Wirtschaften, keine Erziehung, keine Religion und kein Wissen mehr, das sich dauerhaft außerhalb dieses Weltsystems halten könnte.

Die Eigenstrukturen der Weltgesellschaft sind Jahrhunderte alte, schrittweise immer mehr und mehr an Bedeutung gewinnende Formen. Ehemals lokale Strukturen können nur noch im Rahmen eines globalen Systems – weltweiten Formen der Strukturbildung – reproduziert werden. Ebenso findet auch die Reproduktion von Inhomogenitäten und Ungleichheiten auf globaler Ebene statt, dementsprechend lassen sich auch neue Formen der Inklusion und Exklusion in Strukturen der Weltgesellschaft feststellen.

Soviel zum Hintergrund, die Zitate sind von Rudolf Stichweh zusammengeklaut und wurden bedenkenlos von mir zur argumentativen Unterstützung verwendet. Das ist nur legitim, da sehr viel des oben Stehenden auch stark von Stichwehs Theorie der Weltgesellschaft inspiriert wurde. Wer sich dafür interessiert, der könnte diese Paper-Reihe mal antesten. Weiter geht es dann mit dem, was der G8-Gipfel ist: ein Weltereignis. Mehr nach der Werbepause.

2 Antworten zu „G8erbahn“

  1. [...] haben wir aus den vorherigen Teilen – 1, 2, 3, 4 – nun gelernt? Der G8-Gipfel ist ein inszeniertes Ereignis, welches über mediale [...]

  2. [...] , Kultur 2.0 Ich wollte es bei meinem Beitrag zur medialen Flut über den G8-Gipfel hierbei – 1, 2, 3, 4, 5 – belassen. Denn neben Falschmeldungen und voreilig-subjektiver Berichterstattung und [...]

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