Wer ein wenig über Niklas Luhmann - den Soziologen aus Bielefeld mit meisterhafter Beobachtungsgabe und beamtenhafter Arbeitsweise - gelesen, gesehen oder gehört hat, dem ist auch der Luhmannsche Zettelkasten ein Begriff. Ein eher unscheinbarer Holzkasten, gefüllt mit einer schier unendlichen Menge an Wissen, Gelesenem, Querverknüpfungen und Gedankengängen. Es wird von einer Zettelanzahl im mittleren fünfstelligen Bereich gemunkelt, wobei ich da keine zuverlässige Quelle nennen kann.
Eine hölzerne Form der Komplexitätsreduzierung könnte man seinen Zettelkasten auch nennen. Und eine weitere Stufe davon ist Beobachter im Krähennest, eine Dokumentation, die versucht, die Grundzüge seiner Systemtheorie darzulegen. Eine Aufgabe, an der schon tausende Proseminare mit mehr Zeit zur Verfügung gescheitert sind. Erstaunlicherweise klappt das da dann doch recht gut, auch wenn es nur beim Anschneiden des Kuchens bleibt. Und bleiben kann. Aber den Geschmack, den kann man erahnen. Wir sehen Luhmann in seinem Büro, in ganz kurzen Szenen auch bei sich zu Hause. Und diese Szenen sind es, die den Mensch hinter dem Wissenschaftler ein kleines bisschen fassbar machen. Oder auch entrückter, je nach Perspektive.
Denn es bedarf schon einem gerüttelten Maß an Offenheit, wenn man Luhmann seinen Zettelkasten erklären sieht - für das wieder in Erinnerung rufen dieser famosen Sequenz übrigens Danke. Leicht kann sich einem da der Gedanke auftun, es hier nicht mit einem der begnadetsten Denker des letzten Jahrhunderts, sondern eher mit einem manisch ordnungsliebenden Systematisierungsfundamentalisten zu tun zu haben. Einem, der alles um ihn herum in seine strukturelle Weltsicht einordnen muss. Wo würden denn da die Menschen bleiben, ein gern und oft gebrachter Vorwurf an Luhmann. Dabei wird nur übersehen, dass die Aktion erst nach der Analyse kommen kann.
Und diese ist bei Luhmann nicht von schlechten Eltern, oh nein. Das merkt man auch immer wieder an dem beinahe unverhältnismäßigen Verhältnis (huh?) von Zeitaufwand und Erkenntnis. Dafür ist diese dann umso größer. Wenn man eine Vorliebe für strukturelle Mechanismen hat, that is.

4 Kommentare
Bad Brains und Luhmann. Can it get any better?
Hi,
ich habe oben genannte Doku auszugsweise auf youtube gesehen. Einfach genial. Also, ich muss sagen, mir ist er bei der Erklärung des Zettelkastens um so sympatischer geworden (”Wenn ich den Zettel falsch einordne, dann finde ich ihn nur noch per Zufall.”).
Das Geniale am Zettelkasten ist doch auch, dass er systemtheoretisch bei richtiger UND falscher Anwendung funktioniert.
Ich weiß nicht, ob er der manisch ordnungsliebende Mensch war. Wahrscheinlich kommt beim Zettelkasten der Jurist durch.
In einem Radiointerview (leider weiß ich nicht die URL, müsste man googeln) sagte er, im ginge es darum zu erklären, wie es möglich sei, dass das Unwahrscheinliche wahrscheinlich (Wie ist etwa Kommunikation möglich, auch wenn man sich nicht gegenseitig in die Köpfe schauen kann, oder, wenn die Gehirne nicht miteinander verbunden sind?) wird. Schon in der Kriegsgefangenschaft ist ihm klar geworden: Recht und Gerechtigkeit haben ein seltsames Verhältnis miteinander.
Nach meiner letzten Hausarbeit ist mir noch etwas anderes sehr deutlich geworden: Einerseits leben wir in einer hochkomplexen, modernen Gesellschaft, andererseits sind wir zur Blindheit (die Entscheidung für eine Seite) gezwungen.
Moderne Gesellschaften bestehen also aus einem Labyrinth (ich liebe diesen Begriff, er stammt aus Luhmanns “Organisation und Entscheidung”) permanenter Paradoxieentfaltung. Und genau daran scheiten die Proseminare. Die sehen die semantischen Codes und denken, Luhmanns Theorie basiere auf eine Entweder-Oder-Logik des Sozialen. Verrückt, selbst gestandene Sozialwissenschaftler kapieren das nicht.
Am Wochenende habe ich mich mit einem Empiriker gestritten. Er sagte, ich argumentiere tautologisch. Ich fragte dann, was daran so schlimm sei. Darauf wusste er keine Antwort.
Cheers
A.
Ach, Punkrock und Luhmann sind nicht so mutually exclusive, wie man immer glaubt ;)
Was den Zettelkasten und den Mensch Luhmann angeht, da hast Du recht. Es ist eben das wundervolle am Zettelkasten, dass man irgendwo einsteigen kann und immer zu einem nachvollziehbaren Zusammenhang kommt, etwas, das auch bei Wikipedia passieren kann, wenn man nur mit explizit verbundenen Themen von Artikel zu Artikel hüpft. Aber irgendwie ist mir dieses Vorgehen und die dahinter liegende Denkweise auch sympathisch. Ob es allerdings beim Zettelkasten überhaupt eine falsche Anwendung gibt, darüber lässt sich hervorragend streiten (abgesehen natürlich von willkürlich falsch eingeordneten Zetteln und unbegründet gewählten Querverweisen).
Das Radiointerview, welches Du meinst, ist glaube ich eines von denen, die Radio Bremen (Link) mit Luhmann geführt hat, zumindest erzählt er da ausführlicher über die Kriegsgefangenschaft.
Die “Blindheit” sehe ich eher darin, dass die Entscheidung für eine Seite immer auch eine Entscheidung für eine Perspektive ist, die andere Perspektiven nicht mehr zulassen kann oder will - eine Entweder-Oder-Logik, wie Du treffend schreibst. Und trotz aller binärer Leitdifferenzen und Unterscheidungen kommen bei Luhmann sich gegenseitig ausschließende Perspektiven nie in letzter Endgültigkeit vor. Und der größte Fehler den man dabei machen kann ist, eben so etwas bei Luhmann zu suchen. Deswegen ist wahrscheinlich Kontingenz meint liebster Luhmannbegriff ;)
Meine persönliche Erfahrung ist, dass eine solche Herangehensweise nicht mehr verstanden wird, wenn man zu sehrin “definitven” Konzepten denkt. Nichts gegen die Frankfurter Schule im sozialwissenschaftlichen Grundstudium (im Gegenteil, wenn ich sehe, dass manchmal der Huntington und sein Clash of Cultures mehr Platz einnimmt, wünsche ich mir mehr davon), aber eine so werturteilsfreie Theorie wie die Systemtheorie muss man damit eigentlich fast schon falsch verstehen. Und wenn man das Ideale oder die Utopie darin nicht ausmachen kann, dann kommt gerne der Tautologismus-Vorwurf.
Was genau war denn aus empirischer Sichtweise das Tautologische? Ich persönlich habe bei der Verknüpfung eines naturalistisch-empirischen und systemtheoretischen Weltbildes wenig Probleme…
Ja, ja, ,Kontingenz’ ist auch sehr schön und für manche sehr schwer zu verdauen. In einer mündlichen Prüfung hat ein Prof. mal zu mir gesagt: “Das macht mich nicht satt!”
Wie du schätze ich die absolute ideologiefreiheit der Systemtheorie. Wenn kritisch, dann so, finde ich. Dazu muss ich sagen: ich komme aus dem Normativismus. Über Luhmann bin ich davon weggekommen und witzigerweise: wieder draufgekommen. Aus politologischer und systemtheoretischer Sicht kann ich sagen: Das politische System braucht den Normativismus. Somit habe ich mich wieder mit diesem ,versöhnt’ - nur lasse ich diesen nur noch im systemtheoretischen Kontext zu (,wie’ funktioniert er, ,wie’ taucht er im Gesamtprozess wieder auf?). Frankfurter Schule finde ich jetzt wieder toll. Nur lese ich diesen nicht mehr als ,Handlungsanleitung’, sondern (jetzt springen mir die Neo-Marxisten und Linksliberalen an den Hals), als schöne Geschichte. Luhmann ist Erkenntnis, Habermas ist (das meine ich ernst) purer Lesegenuss.
Ich weiß leider nicht mehr den genauen Zusammenhang. Ich habe was erklärt, aus systemtheoretischer Perspektive, dann kam der Tautologievorwurf (wir hatten einen im Tee). Aber wir sind uns einig: Empirie und Theorie gehören so zusammen, wie Luhmann es in Wissenschaft der Gesellschaft beschreibt: die Theorien nehmen auf, was in der Welt geschieht (auch wenn diese selbst vom Wissenschaftssystem geschaffen ist) und die Methoden überprüfen das, womit sie das System wieder abschließen. Witzigerweise treibt es der Empiriker weiter und sagt: Klar - und die Methoden werden wiederum von den Theorien überprüft.
Zudem hat er mich davon überzeugt, dass die Empirie einen krassen Vorteil hat: sie scheitert schneller. Wir wissen seit Luhmann, die Systeme wollen vergessen, nicht sich erinnern. Wie lange braucht man, um ein Werk wie das Kapital (nix gegen Marx, einer der größten) zu widerlegen, um dann weiterforschen zu können? So eine Formel hingegen, hat man in zwei, drei Fachartikeln entweder belegt oder widerlegt.
Jedenfalls, ich bleibe bei den Theoretikern. Das liegt mir mehr als das Rechnen ;) Und ehrlich: wenn in den Sozialwissenschaften gerechnet wird, kommt oft Stuss raus. Ich arbeite gerade ein Psychologieskript durch: Manager gehen anders vor, als sie es zu einem anderen Zeitpunkt geplant haben. Wie erstaunlich! Give me a break!
Dann lieber Luhmann ;)
A.
Zur Empirie: Ohne kann man nicht, aber nur damit eben auch nicht. Das Problem liegt dabei, zumindest so wie ich das sehe, in der mangelnden Übersetzungsfähigkeit von messbaren Zahlen in theoretische Konstrukte und umgekehrt. Das wird in größeren Zusammenhängen immer schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich, da die Komplexitätsreduktion ja auch ihre Grenzen hat. Wir können nicht alles erfassen und schon gar nicht alles berücksichtigen. Deswegen wird auch heute noch für und gegen Marx argumentiert ;)
Das ist auch etwas, was ich in meinem ursprünglichen Blogbeitrag mit “erst Analyse, dann Aktion” bezeichnet habe: Was bedeutet etwas und welche Rolle hat dies in verschiedenen Systemen? Erst nach diesem Schritt kann eine normative Wertung ansetzen, und wenn die aus einem systemtheoretisch begründeten Anspruch allgemeiner Normen hergeleitet wird, umso besser. Gerade im Bereich der Kapitalismuskritik könnte man da viel erarbeiten, dass Wirtschaft und Moral getrennt voneinander funktionieren wäre da nur der erste Ansatz. Das könnte man umgedreht dann ‘theoretische Kritik’ nennen ;)
Wobei ich zugeben muss, noch nicht ganz im Klaren darüber zu sein, wie man das dann wieder messen könnte. Ich persönlich finde da einen Blick in die Biologie und Computerwissenschaften recht spannend, auch wenn ich nicht so weit gehen möchte zu behaupten, dass in dem was beispielsweise Francis Heylighen macht der Königsweg liege.
Aber vielleicht eröffnet es mehr Ergebnisse als “70% aller Manager treffen Entscheidungen nicht nur auf reiner Faktenebene” und ähnlichem ;)
Ein Trackback
[...] Veröffentlicht 5. Juni 2007 Medial & Mehr , Kultur 2.0 Um mal an den gestrigen Luhmann-Post anzuschließen: Neben sozialen, psychischen und biologischen Systemen kann man natürlich auch die [...]