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Blumengießen am Südbalkon

In Allgemeines on 12. Juni 2007 by Mark Mit Tag(s) versehen:

Die grauhaarigen Arme auf ein Kissen gestemmt. In einem halben rechten Winkel vor der Brust gefaltet, den Anschein erweckend, irgendetwas unter den Achselhöhlen versteckt zu haben. Trotz aller Etikette, die man nach den Konventionen des Zusammenlebens in der Öffentlichkeit pflegen sollte, trägt er nur ein Unterhemd. Immerhin eines von den guten. Eines, das schon Jahre alt ist, dem man ansieht, dass darin gearbeitet, geschwitzt, gelebt wurde. Das aber, abgesehen von der Färbung des Alters, immer noch seinen Zweck erfüllt. Mehr als das, in seinen oftmals geflickten Nähten unzählige Erinnerungen beherbergt. Ein Veteran des Wirtschaftswunders, vernarbt von diesem Land.

Seit er nichts mehr zu tun hat in dieser Stadt, keine notwendige Erwerbsarbeit, keine Besorgungen, keine Verpflichtungen. Seitdem sitzt Egon am Fenster, sieht endlos langsam vorbeiziehend das Leben, zu dem er nicht mehr gehört. Das Kissen auf dem Fensterbrett ist bestickt, ornamentale Muster, die an längst verstaubte Kaffeetischdeckchen erinnern. Fast scheint er ein Mann ohne Unterleib zu sein, verwachsen und verwurzelt in Stein, als ob er ein Teil des Hauses wäre. Ein Haus, das er mit seinen eigenen Händen mit erbaut hat, hochgezogen aus dem Schutt, ein Traum von Menschenhand. Um das linke Handgelenk trägt er eine Armbanduhr. Es wäre nicht verwunderlich, würde man einen Blick auf das Ziffernblatt werfen, festzustellen, dass die Zeiger sich seit Jahren nicht mehr bewegt haben. Eine Konstante, wie die Lichtgeschwindigkeit fest und unveränderlich. Und dahinter ein Leben. Erinnerungen, festgefroren in der Zeit. Bald verblasst. Und ich könnte ewig Riesenrad fahren, ich würde immer noch nicht wissen, wie Egon fühlt.

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