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Du schlägst doch keinen Mann mit Brille

In Allgemeines on 9. Juli 2007 by Mark Mit Tag(s) versehen: ,

Wolfgang Schäuble macht je gerade die Runde in den Medien. Um den Diskurs mal auf eine andere Ebene zu führen, werde ich mal persönlich werden. Nicht das, was man unter ‘persönlich werden’ so gemeinhin versteht, sondern einfach mal eine persönliche Geschichte. Mit kleinen Schnittmengen zum Thema.

Sommer 1999, im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft vielleicht vom im darauf folgenden Jahr stattgefundenen Schmökel-Event verdrängt, Dieter Zurwehme auf der Flucht, begleitet von einer medialen Präsenz, die in ihrer Sommerlochinszenierung damals schon die Messlatte für alles, was danach kommen sollte, hochgelegt hat. Aber darum geht es hier nicht. Es geht um den Urlauber, der versehentlich von einer Kellnerin für Zurwehme gehalten wurde und dessen Hotelzimmer am frühen Morgen von örtlichen Polizisten gestürmt wurde. Leider verlor der Mann dabei sein Leben. Ich vermute mal, weil er etwas erschrocken reagiert hat, frisch aus dem Schlaf gerissen.

Ein Jahr später in der Stadt, in der ich damals wohnte, wurde ein Geistig Behinderter mit einem Spielzeuggewehr von Polizeibeamten erschossen. Mit insgesamt 21 Schüssen, nachzulesen im AI-Jahresbericht 2002. Kollateralschäden, könnte man sagen. Zwickmühlen und Grenzfälle eines Rechtsstaats und seiner exekutiven Gewalt.

Was hat das mit mir zu tun? Nun, ich bin Brillenträger. Wie so viele andere auch bin ich mehr oder weniger auf eine Sehhilfe angewiesen. In meinem Fall sogar ständig, da ich ohne Brille blind wie ein Maulwurf durch die Gegend tapse. Und damit habe ich mit jedem anderen professionellen Brillenträger – ich rede hier nicht von den gelegentlichen Sonnenbrillenträgern oder den Nur-zum-Autofahren-Brille-Aufsetzern – eines gemein: die erste Bewegung beim Aufwachen am Morgen ist der Griff zur Brille auf dem Nachtisch. Automatisch, eine Bewegung über die ich überhaupt nicht mehr nachdenke. Erst mit Gläsern vor den Augen nimmt für mich die Welt Konturen an.

Wenn ich jetzt die manchmal recht ungeschickte Vorgehensweise der deutschen Polizei mit Schusswaffen bedenke, so denke ich immer bei mir: Du, wär ganz schön scheiße, wenn die Polizei am frühen Morgen aufgrund irgendeiner Verwechslung dein Zimmer stürmt, mit gezogener Waffe. Denn meine erste Bewegung wäre ein ruckartiger Griff zum Nachttisch. Ob ich dann allerdings meine dort liegende Brille überhaupt noch erreichen werde, das ist die eigentliche Frage. Trigger Happy, mit Terroristenphobie im Kopf, ich im Fadenkreuz. Und der Schuss gesetzlich legitimiert. Erschreckende Szenarien finden da in meinem Kopf statt.

Deswegen wäre ich Wolfgang Schäuble sehr dankbar, wenn er diese – vielleicht unbegründete, vielleicht aber auch nicht – Angst nicht noch zusätzlich befeuern würde. Der Gebrauch von Schusswaffen ist schon freizügig genug, der inneren Sicherheit ist mit weiterer Lockerung ein Bärendienst getan. Und überhaupt: was ist mit meiner inneren Sicherheit?

Und noch mal überhaupt: Man sollte nie ungeschützt sein.

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