Sich auf Kosten der Kreationisten zu amüsieren ist ja eine gerne vollzogene Tätigkeit. Auch zutiefst verständlich - anhand umfassender wissenschaftlicher Belege, deren Anzweiflung gerne mal vom Absurden ins Groteske rutscht und umgekehrt. Und religiöse Spinner - egal welcher Religion - sind natürlich dankbare Opfer für Spott und Häme, in ihrer Verbohrtheit und ihrer Gewissheit, um die wahre Gestalt der Welt zu wissen, ein Leuchtfeuer des Rückwärtigen. Zu Recht und verdient nicht ernst genommen.
Grundübel des Ganzen, von der kreationistischen Seite aus gesehen, ist die Anmaßung der Wissenschaft, nicht nur mehr über das reine Funktionieren der Welt zu sprechen, sondern auch über die Welt an sich zu sprechen, Aussagen darüber zu treffen, wie die Welt entstanden ist und wohin sie führt. Isoliert auf einzelne, funktionale Zustandsbeschreibungen kann die Wissenschaft auch nicht sein, es ist immer ein Fall von wenn und dann, dem kausalen Zusammenhang, ohne den Wissenschaft - und auch jedes Weltbild - nicht kann. Moment, höre ich schon die Einwürfe, Wissenschaft ist also strukturell auch nur ein Vorgang der Weltbilderschaffung!
Doch darauf ist die Antwort einfach: Verifizierbar oder falsifizierbar innerhalb intersubjektiv konventionalisierter Rahmenbedingungen, ein Prozess der Genese der bestmöglichsten Beschreibung von Welt. Das leistet die Wissenschaft; eine Hürde an der sich idealer Weise jedes Weltbild messen lassen müsste, um den gleichen Relevanzstatus zugesprochen zu bekommen.
Das hätten wir also geklärt, wenn Wissenschaft zu Ende gedacht wird, wird sie immer tradierte Weltentwürfe in Frage stellen. Und das ist auch gut so. Die Kreationisten mit ihren Museen und Wikis sind ein prägnantes Beispiel: konfrontiert mit der Tatsache, dass der Mensch aus einer Ursuppe entstanden ist, vielleicht sogar nur aus Zufall, ist es unumgänglich, dass sich ein restaurativer Backlash seinen Weg bahnt, von globalen Mustern des simplifizierten Erklärungsdenkens gesteuert und vielleicht deswegen auch so attraktiv. Denn die in vollem Umfang realisierte Tatsache, dass wir nur ein Fliegenschiss auf dem Antlitz eines unendlichen Universums sind, und nicht die Krone der Schöpfung, ist schon unverständlich genug. Vor allem, wenn man auf Basis eines rein funktionalen Bildes der Wissenschaft denkt, die Wissenschaft gut und schön ist, solange sie einem mit Annehmlichkeiten das Leben versüßt. Nicht, wenn die Wissenschaft die Eigenverantwortung allein dem Menschen zuspricht.
So ist auch die - zumindest in dezidiert wissenschaftlichen Kreisen, nicht wenn Zukunftsforscher, Ökonomen oder Verschwörungstheoretiker sich diesem Thema annähern - eigentlich nicht stattfindende Debatte um den Klimawandel ein Moment des Nicht-Akzeptieren-Könnens von kollektiver, eigener und struktureller Verantwortung. Wenn die Konsequenz offensichtlich wird, dass es eben keinen unbegrenzten Fortschritt geben kann, wie die reduziert-funktionale Rolle der Wissenschaft versprechen sollte, sondern der Mensch auch durchaus in der Lage ist, sich und seinen Lebensraum zu zerstören. Ach was, werden manche sagen, die Erde hat schon länger überlebt, aber das ist auch nicht der Punkt. Der liegt in der Frage nach dem Überleben der Menschheit.
So ist es auch kein Wunder, dass der so genannte Klimaschwindel-Diskurs nicht innerhalb der Wissenschaft geführt wird, sondern von eifrigen Amateuren größtenteils im Internet ausgefochten wird. Wie auch beim Intelligent Design sind auch in diesem Fall keinerlei verifizierbare Argumente zu finden, ganz im Gegenteil, ein wesentliches Merkmal des Klimaskeptiker-Habitus ist das Wissen um die unverfälschte Wahrheit, womit sich der Kreis wieder schließt, denn dieses Wissen kann nichts anderes sein als Glaube.
“Der Vergleich belegt: Die Reduzierung der Naturwissenschaft auf ihren praktischen Nutzen führt geradewegs zurück in eine irrationale Gedankenwelt. Und zwar nicht nur den bekennenden religiösen Fundamentalisten, sondern potenziell auch denjenigen, der sich selbst als Fortschrittsmenschen empfindet.“
Zitat hieraus. Glaube also, nicht in der rückwärtigen Form des Kreationismus, sondern in der entgegen gesetzten Richtung: Wenn der Fortschritt, an den wir alle glauben, religiöse Züge annimmt und sich mit halbgarer pseudowissenschaftlicher Argumentation verbindet. Und somit immer noch ein Postulat einer unbeschränkten Umwelt voraussetzt. Die es de facto nicht gibt. Kein Wunder, das dann auch in politisch, kulturell und sozial durchaus gebildeten Kreisen ein Skeptizismus einschleichen kann, der nicht mehr gesund ist. Und dem eigentlichen Fortschritt, einer als Verbesserung empfundenen Veränderung, im Wege steht. Sich vielleicht sogar als gefährlich erweist. Da kann jemand wie der Matthias Horx, der sein Geld mit unbegrenztem Fortschrittsglauben verdient, durchaus mal Kompetenzen zugesprochen bekommen, die er gar nicht hat. Scheint ein Trend zu sein.
Im Zweifelsfall einfach mal einen Experten - keinen selbsternannten - fragen. Und vorher sicherstellen, dass der kein Prophet ist, der gerade von seinem neuesten Berg runter gestiegen ist. Reflektieren kann da helfen.

2 Kommentare
Ganz einfach: Ich liebe diesen Beitrag. Kreationisten, Klimaskeptiker und die Zukunftsforschung - eine ungewöhnliche Kombination auf der Zielscheibe. Aber die Kritik wird nicht mit dem Rasensprenger versprüht, sondern eher im Stile einer Spei-Kobra. Kein labiler, unfundierter Skeptizismus. Auch wenn mir der Kurzschluss des Trend-Propheten Horx und der Zukunftsforschung etwas übereilt erscheint; er hat die Attacke einer Spei-Kobra verdient.
Danke für die Blumen.
Ich gebe zu, die Zukunftsforschung hier mal eher über einen Kamm geschoren zu haben, der vielleicht nicht zu jedem Haartyp passt. Den ernsthaften Forscher mit dem Glaskugel-Wahrsager in einen Topf geworfen zu haben. Was natürlich nicht stimmt. Da gelobe ich Besserung.
Die Spei-Kobra finde ich auch sehr schön, auch wenn ich dachte, einen gemäßigten Ton angeschlagen zu haben ;)
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[...] vielleicht bin ich etwas zu früh dran, aber ich versuch mich mal als Zukunftsforscher. Da muss nicht immer alles stimmen, was man von sich gibt. Impuls für diese Zukunfts-Todesanzeige von [...]
[...] seiner inneren Glaskugel vertrauen, wie es John Naisbitt, ein illustrer Vertreter der sich selbst am meisten glaubenden Zukunftsforscher offenbar macht - scheint ein Megatrend zu sein. Zumindest erlaube ich mir, das [...]
[...] tot geborgen werden Meine skeptische Haltung gegenüber der Zukunfts- und Trendforschung ist kein Geheimnis. Das mag vielleicht dem Umstand geschuldet sein, dass die wenigsten Vertreter dieser [...]
[...] Horx der Welt da wieder erzählt [via], darf nicht unterschlagen bleiben. Man könnte ja sonst - hier, hier und hier - auf den Gedanken kommen, dass Zukunftsforschung wirklich etwas zu sagen hätte. [...]