Da hat doch ein Genforscher tatsächlich sich selbst entziffert. Nicht in der Art und Weise etwa, mittels Tiefenmeditation oder Drogenexperimenten das eigene Selbst auszuloten und die manchmal rätselhaften Vorgänge im Inneren des Kopfes zu entschlüsseln, sondern ganz einfach das Genom offengelegt. Zum Glück fällt das nicht unter den Tatbestand der öffentlichen Entblößung, sonst hätte der gute Mann ein kleineres bis größeres Problem.
Aber das ist auch nicht der Punkt hier. Weder flache Scherze und weit hergeholte Vergleiche, am wenigsten noch die alleinige wissenschaftliche Faszination – zwei Vulkanier-Augenbrauen hochgereckt – können verdecken, dass damit weitere Fragen aufgeworfen werden. Tiefgreifende, jeden betreffende Fragen. So tiefgreifend, das eigentlich dutzende Ausrufezeichen nötig wären, um sie zu verdeutlichen. Nur leider können die nicht der Tatsache abhelfen, dass die Fragezeichen immer noch bestehen bleiben, vielleicht größere Fragezeichen als je zuvor.
Denn sollte es so sein, dass wir jeden Menschen ob seines Erbguts kategorisieren können, in einer Datenbank seine Krankheitsrisiken, seine körperlichen Merkmale und im umfassendsten Fall vielleicht sogar seine Neigungen erfassen, verwalten und nachschlagen können, dann ist der Egalitätsanspruch, den wir als Idealisten an gesellschaftliche Institutionen und Regelwerke richten, vielleicht nur noch das wert, was wir beim täglichen Entleeren in der Keramikschüssel lassen. Dann sind die Begriffe Sein und Handeln nicht mehr an Eigenverantwortung und Sozialisation gekoppelt, sondern an einen rein biologischen Zusammenhang. Und wohin so was führt, dafür gibt es in der Geschichte genügend Beispiele, meistens eher negative bis desaströse. Wenn es der Körper ist, der uns zu dem macht was wir unweigerlich sind und sein werden, dann ist der Körper auch unsere einzige Ressource für das Leben. Eine Ressource, die über unseren wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Erfolg entscheiden wird, und über deren Verfügungsgewalt wir uns dann vortrefflich streiten werden. Vielleicht kommt aber alles auch anders.
Nur sagt mir mein Gefühl, dass unsere Zukunft keine die Ungerechtigkeiten der Welt dekonstruierende Supermenschen-Fiktion sein wird, in der perfekt geträumte Körper das goldene Zeitalter der Menschheit anbrechen lassen.
Eher irgendwas dystopisches, grim and gritty, wie es so schön heißt, ist da meine Vermutung. Im goldroten Sonnenuntergang steckt eben auch immer ein Untergang.

