Aber dort leben, nein danke

Beim Spiegelfechter kam auch kurz die Diskussion hier auf den Punkt des Reisens in gewisse Länder und an gewisse Orte, mit deren Vorstellung von Menschenrechten man so gemeinhin eigentlich nichts anfangen kann, ja die noch nicht mal die geringste Deckungsgleichheit aufweist mit dem, was man als selbstverständlich und Mindestanforderung ansieht. Als Tourist scheint man da eine größere Toleranz aufzuweisen, etwas, dass auch Michael Allmaier in der Zeit erkennt:

Gerade Kulturreisende sind empfänglich für den Reiz des Autoritären. Es ist aufregend, Orte zu erkunden, wo es noch kein Starbucks gibt. Wo die Kinder einen anstarren wie einen Marsmenschen. Reich zu sein. Die Lebenskunst der Einheimischen zu bewundern. Sich auszumalen, wie es auch bei uns einmal aussah – vor der Industrialisierung. Über das Imponiergehabe der Staatsmacht zu lachen. Man ist ja nur bei ihr zu Gast und bald wieder glücklich daheim.

Die Attraktivität und der Reiz der Tatsache, eben trotz der eigenen Mitanwesenheit einen ganz besonderen Status – nicht unähnlich dem des Diplomaten – zu genießen: unantastbar im Regelfall und devisenbringender Zuschauer, ist etwas, was man vielleicht die conditio humana des Touristen nennen kann. Ein Zaungast, von einem anderen Ort kommend und nur kurz verweilend. Ob das nun moralisch vertretbar sein kann, ist eine andere Frage. Denn schließlich ist es kein verwerfliches Vorgehen, etwas aus der Nähe betrachten zu wollen. Tut man dies aber ohne das Wissen um die Umstände und Verhältnisse dort, so wird man unweigerlich zu dem, was man mit der Wahl dieses Reiseziels eben nicht werden wollte: ein Pauschaltourist.

Sollte man aber zurückkehren mit neuen Erfahrungen, welche gerade die Kontingenz der eigenen gesichterten Existenz und den glücklichen Zufall, eben nicht dort leben zu müssen, ins eigene Bewusstsein geschrieben haben, so ist das nur zu begrüßen. Denn Bewusstsein ist das erste, was vorhanden sein muss, der erste Schritt, um auch die Verantwortung für die Konsequenzen des eigenen Handelns zu erkennen und zu übernehmen. Etwas das gerade wichtig ist, da das globale System eben etwas ist, das wir alle durch unser Tun lenken und reproduzieren.

Bleibt nur noch offen, wie man das gewährleisten kann, denn auch dumme Menschen reisen gerne und oft. Und nicht immer nur zum Cluburlaub in die DomRep.

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