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Stempeln gehen

In Allgemeines on 9. Oktober 2007 by Mark Mit Tag(s) versehen: , , ,

Die Äste vor dem Fenster warfen Schatten auf meinen Schreibtisch, die mittlerweile schon weit gewandert waren. Angefangen hatten sie an der Kante, bei den überbordend gestapelten Formularen, die in billig gearbeiteten Kisten wie Freudsche Überväter auf ihrem Thron meinen Schreibtisch überblickten. Alle Versuche diese abzuarbeiten waren erfolglos geblieben, erstens kümmerte es keinen und zweitens hatten sie sich mittlerweile ein undefinierbares, aber doch vorhandenes Gastrecht verschafft. Etwas, das so vertraut ist, kann man schlecht wegwerfen, es bleibt da, egal ob es geliebt wird oder nicht. Das traf gewissermaßen auch auf mich zu.

Daneben, mittlerweile auch im gerasterten Halbdunkel gelegen, schälten sich die Konturen meines Arbeitsgerätes aus dem dunklen Eichenholz des Tisches. Besser gesagt: meiner Arbeitsgeräte. Von Hand gefertigt, jedes ein Unikat, wurden sie in meinen Händen zu unerbittlichen Werkzeugen. Ihr Einsatz wurde eingeläutet von dem leisen Rasseln des miniaturisierten Metallkarussells, das ich mit schnellen Bewegungen meiner Finger drehte, um es dann an der richtigen Position mit einem leichten Druck des Zeigefingers zum Anhalten zu bringen. Ich musste nicht einmal mehr die Augen öffnen, nach so vielen Jahren an diesem Schreibtisch fanden meine Finger blind die entsprechenden Stempel, nahmen sie aus dem Bund ihrer Gefährten heraus und verwandelten damit Vorschläge in konkrete Anweisungen. Es konnte nur ein geringes Vergnügen sein, diese dann umgesetzt zu sehen, keine Manifestation des Geschriebenen konnte auch nur annähernd die Präzision erreichen, mit der ich mich auf unzählbaren Blättern Papier verewigte. Wieviel davon auch nur einmal noch von einem anderen Menschen gelesen wurden, ich vermochte es nicht zu sagen, obwohl meine Vermutungen richtig waren, wie sich bald nach meiner Ankunft hier herausgestellt hatte.

Einmal am Tag, wenn die Schatten schon fast alles in ein Halbdunkel tauchten, schickten sie Lehrlinge vorbei, die mit den Jahren wechselten, aber immer mit dem gleichen, beinah verächtlichen Grinsen die Arbeit meines Tages entgegennahm und sie nach oben brachten, in die lichtdurchfluteten Räume und Stockwerke, die den besseren Männern vorbehalten waren. Einmal – eine unvermutete Fröhlichkeit hatte mich früh aufbrechen lassen und ich wechselte einige scherzhafte Worte mit dem Portier am Haupteingang – sah ich, wie der Lehrling, der Minuten zuvor meine Arbeit entgegengenommen hatte, statt geradewegs zu den Aufzügen zu gehen, in einen Korridor abbog, der zu den Heizungsräumen führte, die normalerweise nur den Hausmeistern vorbehalten waren, um kurz darauf mit leeren Händen wieder zu erscheinen.

Ich kann es nicht mit vollendeter Sicherheit sagen, und ich blickte mit einiger Entfernung darauf, aber seine Hände erschienen rußverschmiert. Ich ging durch die Drehtür, hinaus in den hellen Nachmittag. Ich habe nichts zurückgelassen.

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