Vergangenheitsbewältigung

Über die inhärente Verbindung von sozialistischer Ästhetik mit den zugrunde liegenden Mythen einer utopischen Zukunft habe ich schon mal geschrieben. Da war die kaum zu übersehende Kluft zwischen propagiertem Ideal und der realen Verzerrung desselben das Thema. Das kann man jetzt auf dieser Ebene belassen und bequem in die Schublade der kulturgeschichtlich erschlossenen Vergangenheit einordnen. Aber es gibt einen weiteren Anknüpfungspunkt, der vielleicht ersichtlich wird, wenn man unter dem groben Aspekt des Retro-Futurismus eine Perspektivenänderung versucht.

Dazu hatte ich ebenfalls schon einen groben Ansatz skizziert, der sich zwar einem anderen Phänomen widmete, aber in seiner strukturellen Herangehensweise durchaus nützlich ist: Wenn die Hinwendung - vielleicht ist auch kollektive Faszination eine passende Bezeichnung - zu imaginierten Zukünften der Vergangenheit ein Bruch mit dem unreflektierten Annehmen vorwärtsgerichteter Thematiken ist, dann gilt das in diesem Zusammenhang insbesondere für den Bereich des Sozialen. Denn nirgendwo anders ist die Differenz größer als bei den vielleicht verklärten, im Rückblick auch naiven Zukunftsvorstellungen des Sozialismus, dessen Idealvorstellung einer zukünftigen Gesellschaft noch nicht mal als nahezu erreicht gesehen werden kann.

So kann es auch kein Wunder sein, wenn sich die Skepsis bezüglich gegenwärtiger Entwicklungen und Prognosen, die alleinigen oder zumindest ausschließenden Anspruch für die Lösung der aktuellen Weltprobleme erheben, in einer Spiegelung der strukturgleichen Ereignisse in der Vergangenheit niederschlägt. Der Hinweis auf die Tatsache, dass es schon damals mit der perfekten Zukunft nicht geklappt sich als kultureller Mythos manifestiert, mit dem ihm eigenen Habitus der ständigen Verweisung darauf, doch bitte aus der Geschichte zu lernen.

Vielleicht ist diese Annahme, dass unter der Oberfläche mehr zu sein scheint, anmassend. Vielleicht haben wir es nur mit einem weiteren Fall postmoderner Beliebigkeit zu tun, wenn Strukturen und Verweise sich auflösen und der Kreis sich schließt, weil er ein Kreis ist. Zirkuläre Argumentation in Selbstreferentialität erstarrt - wie ich, der ich in diesem Post nur wieder auf mich verweise, ha!

Um diesem Dilemma entgegenzuwirken, gibt es hier als ersten Schlusspunkt noch einen Link zu einer umfangreichen Sammlung grandioser retro-futuristischer Titelseiten von populärwissenschaftlichen Zeitschriften aus dem Zeitraum 1930 bis 1970, von denen ein Großteil aus dem ehemaligen Ostblock stammt - da kommt auch die Illustration da oben her. Endgültig abschließend gibt es eine Erinnerung daran, dass alles was wir tun und was wir kommunizieren einen Grund hat. Der sich vielleicht erst als Summe seiner Teile erkennen lässt, aber immerhin da ist.

Zumindest bei mir, grundlos etwas tun dürfen andere.

[Via]

Ein Trackback

  1. Von Helmpflicht « m.arschflugkoerper am 29 Dezember, 2007 um 14:14 Uhr nachmittags

    [...] die zwar in der Vergangenheit spielen mag, aber ganz in Übereinstimmung mit den Strukturen einer retrofuturistischen Denkweise mehr auf das Heute und das Morgen abzielt: On a socio-political level, I can find [...]

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