HinterListig
Das Jahresende ist – neben Rückblicken auf Dinge, von denen man froh ist, dass sie vorbei sind – auch immer wieder die Zeit für Bestenlisten. Die Gegenstände dieser Listen können aus unzähligen beliebig gruppierbaren Bereichen stammen und werden für gewöhnlich in Dreier-, Zehner- oder wenn man es etwas größer haben will auch Hundertereinheiten verortet. Dieser Drang, Vergangenes zu kategorisieren und zu bewerten, und damit retrospektiv in Relation zum eigenen Leben und zur eigenen Welt zu setzen, ist auf vielen Ebenen feststellbar; er beginnt auf der Ebene des Individuellen, beim ständigen Schreiben der eigenen Biographie und hört, wenn Weltereignisse als Reminiszenz reproduziert werden, auf der globalen Ebene auf.
Nun könnte man pessimistisch sein und behaupten, dass Listen sowieso ein basaler Bestandteil des modernen Lebens seien, ob die Einkaufsliste für den Familieneinkauf oder die Freundesliste bei Facebook, Listen sind strukturierende und strukturbildende Element unseres Alltags. Und können im Prozess ihres Entstehens auch durchaus als Instrument der Machtausübung gesehen werden, indem sie definieren, was gut und schlecht ist, auf was Bezug genommen werden darf und auf was eben nicht. In Listen manifestieren sich Sinnzusammenhänge, die wiederum auf Bestehendes rekurrieren und dieses bestätigen. In den Pantheon der bewahrenswerten Dinge wird nur das aufgenommen, was am Jahresende in Listen auftaucht.
Ich gebe zu, bis hierhin ist das eher weniger erhellend, sondern nur ein weiterer Beweis für die Flexibilität und tautologische Beliebigkeit geisteswissenschaftlicher Konzepte – auch wenn ich der Möglichkeit des Erstellens einer Bestenliste 2007 der besten Bestenlisten 2007 eine gewisse postmoderne Eleganz nicht absprechen kann.
Aber ich bin bei der persönlichen Aufstellung solcher Listen auch kaum zu gebrauchen, da ich mich schwer tue, Relevanzzuweisungen jedweder Art zu tätigen. Nur bei einem, und da folge ich der Forderung vieler sogenannter Medienexperten, bin ich mir sicher: Was wir brauchen sind nicht weniger Listen, sondern mehr Listenkompetenz.
Oder wahlweise eine transnationale Listenguerilla.
