Vom Mitnehmen und Anhalten

Eine Geschichte zwischen den Jahren / Von einer nicht ganz einsamen Nacht auf der Autobahn / In der Mark auf dem Heimweg ist / Und eine Begleitung trifft, die ein unerwartetes Geschenk zurücklassen wird

Zu beinahe exakt diesem Datum genau ein Jahr vorher, vielleicht ein paar Tage früher, im auslaufenden Trubel des Festes, begab sich Mark auf den Heimweg, an dessen Ende das ersehnte Wiedersehen mit der besten aller Freundinnen stehen sollte. Denn drei Tage im Schoss der Familie waren einer zuviel, und wären nicht noch an diesem verdammten Abend noch einige selten gesehene Freunde beisammen gewesen, Mark wäre schon viel früher gefahren. So allerdings kam es, dass Mark erst am späten Abend des auchtundzwanzigsten aufbrach. Zielsicher flegelte er den italienischen Boliden erster Baureihe durch die dunklen Straßen seiner schon lange verlassenen Heimatstadt, um alsbald an der letzten Tankstelle vor der Autobahn noch die Reisevorräte in Form von Benzin, Zigaretten und Dosenkaffee aufzustocken.

Als Mark mit eiskalten Händchen den Zapfhahn in die dafür bestimmte Öffnung zu zittern versuchte, drang plötzlich eine Stimme durch das Klackern von Metall auf Metall. Ob denn die Möglichkeit bestünde, dass er in Richtung Nürnberg fahren würde und ihn mitnehmen könnte. Mark musterte den Fragesteller und fand keinerlei Anzeichen dafür, dass der eine von diesen Personen sein könnte, die unerwartet ein Messer zum Zwecke der Halsverschönerung zücken, und bejahte daraufhin. Mark wusste nicht, dass er damit den ersten großen Fehler dieser Nacht begangen hatte.

Doch zunächst schien die Situation keineswegs prekär. Der Fragesteller, ein junger Mann um die fünfundzwanzig bedankte sich überschwenglich und legte seine Beweggründe dar. Er hätte seine Schwester besucht und nun wäre ihm das Auto liegengeblieben. Und da ein Abschleppdienst für eine Strecke dieses Ausmaßes exorbitant in die Geldbörse greifen würde, hätte er beschlossen, per Anhalter nach Nürnberg zu fahren, um am nächsten Tag mit einem befähigten Freund, der der Motorenkunde mächtig war, zurückzufahren. Auch sein Angebot, er würde die gerade von Mark in den Bauch des Fiats gejagte Tankfüllung übernehmen erschien in diesem Zusammenhang nicht nur unverdächtig, sondern geradezu zuvorkommend. Dies war der Moment, an dem Mark es sich noch hätte anders überlegen können, der Point Of No Return war aber spätestens mit seinem zustimmenden Nicken überschritten.

Ein erstes Warnsignal waren die zwei Dosen Bier, die der junge Mann von seinem Ausflug an die Kasse mitbrachte, doch noch war Mark gewillt, dass dem Zwecke der Stressbewältigung zuzuschreiben, außerdem war es im Kern eine nette Geste, war doch eine Dose für ihn gedacht. Da Mark aber den Alkohol scheute wie der Teufel das Weihwasser, musste er das Angebot ausschlagen. Wenn Mark gewusst hätte, was dieser zusätzliche halbe Liter, den der junge Mann im Laufe der Fahrt in sich hineinschütten würde, anrichten würde, er hätte mit Freuden mit seinem Abstinenzlertum gebrochen. Aber so nahm die Verdammnis ihren Lauf. Unaufhaltsam, eine Kette von Ursache und Wirkung, so mächtig wie das Universum selbst.

Er würde eine Gastwirtschaft betreiben, unter der Schirmherrschaft seines Schwiegervaters, der ihm allerdings öfter geschäftsführende Unfähigkeit vorwerfe, außerdem sei er für dessen Tochter auch viel zu schade, zumindest vermute er, dass sein Schwiegervater so denke. All das und noch viel mehr erzählte der junge Mann, währen draußen die blassen Sterne der Winternacht vorbeizogen. Sein Monolog wurde nur durch die kurzen Pausen unterbrochen, in denen er die Bierdose zum Mund führte oder sich eine Zigarette anzündete. Die Ramones klopften dazu im Viervierteltakt aus den Lautsprechern.

Fünf Minuten, bevor sie den Rasthof Frankenhöhe passieren sollten, fragte der junge Mann, dessen Stimme mittlerweile undeutlicher wurde, ob man denn demnächst mal kurz anhalten könne, das Bier mache sich bemerkbar. Mark sagte, dass das kein Problem sei und wollte fünf Minuten später ausfahren, wurde aber zurückgehalten, der Drang habe sich mittlerweile verflüchtigt und ein Toilettenbesuch sei nicht mehr notwendig. Mark schöpfte, trotz eines penetranten Bieraromas, dass sich mittlerweile im Fahrzeugraum ausgebreitet hatte, immer noch keinen Verdacht. Gutgläubig war er, dass muss man im lassen.

So ging die Fahrt auch bald ihrem abgesprochenen Ende entgegen, der ersten Tankstelle nach der Autobahnausfahrt Nürnberg-Zentrum. Nun wurde Mark auch stutzig und die Situation kam ihm langsam komisch vor, denn sein Fahrgast schien sich spontan umentschieden zu haben, er wolle lieber an der geschlossenen und unbeleuchteten(!) Tankstelle zweihundert Meter die Straße hoch abgesetzt werden, da finde sein Freund, der ihn abhole, besser hin. Da zu diesem Zeitpunkt das Bierrülps-Odeur im Wageninneren ausgereicht hätte, ein strammes Rudel deutscher Schäferhunde mit links auszuknocken, tat Mark ihm den Gefallen. Der Anreiz, den mittlerweile als störend empfundenen Beifahrer loszuwerden, war größer. Und statt einem Messer am Hals gab es auch nur tausendfachen Dank.

So fuhr Mark alleine weiter, bis ihm an der nächsten Ampel etwas auffiel: Trotz geöffnetem Fenster wollte der Geruch nach Bier, der dick wie eine ungesteppte Daunendecke in der Luft lag, sich nicht verflüchtigen. Im Gegenteil, er schien schlimmer zu werden, als ob das Bier schon einen Durchlauf hinter sich hatte. Mark überkam eine dunkle Vorahnung, plötzlich machte jedes kleine Puzzlestück dieses Rätsels Sinn. Lass es nur verschüttetes Bier sein, war sein Flehen an den Möglichkeitshorizont des Determinismus. Doch Mark musste sicher sein, musste die vermutete Konsequenz verifizieren. Also legte er die Hand auf die nun leere Sitzfläche neben ihm. Und fasste in eine Pfütze. Was vorher in den Tiefen eines Körpers verborgen war, schwamm nun wie Quecksilber auf dem Beifahrersitz.

Der junge Mann hatte ein Geschenk hinterlassen. Und was für eins.

3 Kommentare

  1. 30 Dezember, 2007 geschrieben in 14:40 Uhr nachmittags | Permalink

    Mittlerweile sehe ich da auch eine positive Seite. Immerhin hat er im Sitzen gepinkelt.

  2. 7 Januar, 2008 geschrieben in 12:12 Uhr nachmittags | Permalink

    Scherzkeks.

    Ekelhaft ist sowas. Nimmste nochmal wen mit?

  3. 7 Januar, 2008 geschrieben in 13:44 Uhr nachmittags | Permalink

    Ich glaube eher nein. Wenn überhaupt, dann nur nach eingehenderer Prüfung und mit expliziten Regeln (Kein Alkohol, Pinkelpausen in regelmäßigen Abständen, etc).

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