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Knopp, Cruise, die Nazis, Scientology & das formale Defizit

In Unkatzegoriert on 20. Januar 2008 by Mark Mit Tag(s) versehen: , , , , , , , ,

Morgens, halb zehn in Deutschland. Das Frühstückchen fällt wieder mal schmalhansig aus und besteht nur aus Guidos übrig gebliebenem Knoppers vom Vortag.

Dem Mann übrigens, dem wir es zu verdanken haben, dass wir Geschichte wieder in gut und böse einteilen können, um nur zwei Kategorien zu nennen. Klar, populäre Wissenschaft muss sich mit Schubladen, Vereinfachungen und ganz allgemein dem, was man in fortschrittlichen Kreisen Edutainment nennt anfreunden, wenn sie ihren Anspruch überhaupt in irgendeiner Weise im medialen Dschungel durchsetzen will.

Nur wird dabei gerne – vor allem in doch sehr interpretationsoffenen Disziplinen wie der historischen Forschung – die Kontingenz des Dargestellten nicht mitgeteilt. Etwas, dass aber für einen differenzierenden Zugang zur Vergangenheit notwendig sein sollte.

Ich will da auch nicht zu sehr auf Guido Knopp rumhacken und die ganze Debatte wieder aufwärmen, dass haben andere schon viel besser und, ehm, auch bunter gemacht. So zum Beispiel Peter Kümmel, der gleich die ganz großen Geschütze auffährt, indem er den Herrn Knopp in die Nähe von retrofuturistischen Geschichtsalternativisten rückt:

Natürlich verfälscht Knopp keine geschichtlichen Daten, wie es die Steampunk-Autoren tun. Aber er hat den unerschrockenen Gestaltungswillen und die Vergangenheitsbesessenheit des Steampunkers. Er zeigt die Vergangenheit als Director’s Cut. Er ist ein Historiker des Schneidetischs.

Nun ja, solche Kritik mag einen gerechtfertigten Kern haben, nämlich das Verlieren der wissenschaftlichen Perspektive, die in diesem ständigen Prozess des Herstellens von Sinnzusammenhängen auf Mikroebene das Gesamtbild aus den Augen verliert. Wenn man vor lauter Einzelschicksalen die prägenden gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen der Vergangenheit nicht mehr sieht, im Rahmen einer zersplitternden Oberflächenanalyse nur noch einzelne Ereigniskategorien anwendet, dann ist das Produkt dieser Arbeit nur in begrenztem Rahmen aussagekräftig.

Ebenso verhält es sich mit Knopps aktuellen Äußerungen zum gerade die Runde machenden Tom Cruise-Video, in dem der ein durchaus fragwürdiges Selbstbild, und damit einhergehend auch ein ebenso fragwürdiges Weltild, demonstriert. Dessen Habitus müsse jeden Deutschen, der sich für Geschichte interessiere, zwangsläufig an die berüchtigte Sportpalast-Rede von Goebbels erinnern, so zumindest Knopp.

Dass auf dieser Ebene strukturelle Ähnlichkeiten fast überall zu finden sind, hat nicht nur die Titanic richtig erkannt. Auch der oft genannte (vielleicht auch nur nachgesagte) Vorwurf von Herbert Marcuse an die Rockmusik, doch protofaschistisch zu sein, gehört da mit dazu. Und tausend andere Beispiele sowieso.

Und klar, Tom Cruise ist gelinde gesagt ein gehirngewaschener Werbespot für eine rein profitorientiert handelnde Organisation, die schamlos das Bedürfnis der Menschen nach Sinnaussagen ausnutzt. Aber ist so ein Vergleich eine sinnvolle und nützliche Art, dem entgegenzutreten? Oder ist der nur mediales Sperrfeuer für fundierte Kritik?

Zumindest müsste man sich fragen, was denn die Relevanz der eigenen Aussage ist, wenn man jeder klatschenden Menge mit einem Nazi-Vergleich kommen kann, ganz egal ob diese in Form eines Parteitags, als Zuhörer von Günter Grass bei einer Demo oder als Publikum bei Tokio Hotel auf Schalke in Erscheinung tritt.

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