Die Welt, oder genauer die Wahrheit über die Welt, ist relativ und überhaupt nicht erfassbar, da der Mensch alles nur durch die Scheuklappen seines Denkens und seiner Wahrnehmung sehen kann. So oder so ähnlich lautet ein beliebtes Argument von Kreationisten, Klimaskeptikern oder sonstigen professionellen Rechthabern. In der Theorie will ich das auch gar nicht arg bezweifeln oder diesem Konzept seine Diskursberechtigung entziehen, allerdings hapert es bei der Anwendung in der Wirklichkeit gewaltig, denn trotz aller denkbaren Kontingenzen ist die physikalische Umwelt recht strikt mit ihren Strukturen, ob einem das nun gefallen mag oder nicht.
Der Apfel fällt eben nicht nur nicht weit vom Stamm, sondern auch immer nach unten. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum die Naturwissenschaften in diesen Kreisen nur für den Selbstopportunismus eine Rolle spielen.
Aber das soll hier nicht das Thema sein. Sondern vielmehr die Frage, wann und wie die Wahrnehmung eines Phänomens denn wirklich in einem solchen Ausmaß von kulturellen und sozialen Voreinstellungen geprägt ist, dass die objektive Wirklichkeit - obwohl vorhanden und beobachtbar - fast zwangsläufig dahinter verschwinden muss.
Nordkorea ist so ein Ding.
Viel wurde geschrieben über dieses kleine Land, und viel debattiert, ob denn das nun eine Bedrohung für die freie Welt sei. Dabei wurde und wird oft geflissentlich übersehen, dass eigentlich der Mangel an Zugänglichkeit zu diesem Land, seiner Kultur und seinen Menschen jede definitive Argumentation bedeutungslos machen muss. Wie kann man, mit der Attitüde eines Politikjournalisten gefragt, denn nun das reale Nordkorea und sein vermeintliches Bedrohungspotential beschreiben? Ein schwieriges Unterfangen, vor allem vor dem Hintergrund, dass Austausch oder Kommunikation in diesem Fall nur mittels strikt formalisierten Gesten erfolgen kann. Eine politische Pose hier, eine weitere Mythenbeschwörung da, weiter als über das Niveau der Pornosammlung von Erich Honecker wird man kaum hinauskommen.
Nordkorea ist so gesehen der blinde Fleck im global geteilten Weltbild, unzugänglich und eine willkommene Einladung für die eigene Bedeutungszuweisung und Interpretation. So erscheint es auch nicht seltsam, dass dieser Diskurs ebenso im Feuilleton stattfindet wie in der politischen Berichterstattung, ein aktuelles Beispiel ist die New York Times mit einer Fotostrecke [via] des Besuchs der New Yorker Philharmoniker in Pjöngjang. Da werden die Bilder munter mit künstlerischer Reflexion aufgeladen, als ob das Leben dort erstarrt sei in seinen außerweltlichen Formen. Das es eben nur andere Formen - teilweise absurde und menschenverachtende Formen: geschenkt - sind, die nicht außerhalb einer menschlichen Erfahrungswelt stehen, wird da nicht vermittelt. Das ist dann alles andere, nur nicht bedeutender kultureller Kontakt.
So bleibt die Fremdbestimmung des Phänomens Nordkorea - natürlich auch die Eigenbestimmung, wenn man die Selbstinszenierungen von nationaler Identität dort betrachtet - immer nur in den Grenzen eines konstruierten Denkens gefangen, das nur noch seinen eigenen Vorstellungen entsprechend operieren kann. Und mal mehr, mal weniger von der objektiven Wirklichkeit entfernt ist. Der Apfel fällt nicht nur nicht weit vom Stamm, sondern auch immer in die Richtung, in die man ihn fallen sehen will.
Womit wir wieder bei den Kreationisten, den Klimaskeptikern und den professionellen Rechthabern wären. Um es mit einer kruden Analogie zu sagen: Die sehen die Welt auch durch die Sonnenbrille von Kim Jong Il oder sind nicht in der Lage, von außen durch diese hindurchzublicken. Bei den Fragen, die diese Personengruppen aber am meisten beschäftigen - Evolution, Klimawandel und die vermaledeite Wissenschaft - könnte man diese aber leicht abnehmen. So arg blendet die Sonne nicht.
Wie das jetzt genau mit Nordkorea ist? Kann ich nicht sagen, ich war noch nie da.

Ein Trackback
[...] vorgeblicher Wisenschaftskritik halte. Wissenschaft aber auf die Narration zu reduzieren, wie es immer wieder geschieht, hat damit aber nichts zu tun — das ist nur noch Leugnung einer nachweisbaren, vom Beobachter [...]