Im Territorium der Halbwahrheiten
Wiederum etwas, das dem alten Baudrillard gefallen hätte: Radical Cartography [via]. Nicht nur, dass einen auf der About-Seite ein – zugegeben etwas oft und unpassend verwendetes, was aber hier nicht zutrifft – Zitat des französischen Denkers begrüßt, auch die Kartenexemplare illustrieren deutlich, dass die Differenz von Imaginiertem und Wirklichkeit kaum mehr zu fassen ist.
Eine Okkupation der Wirklichkeit durch die Simulation, wenn man es im Tonfall eines kulturkritischen, hinter die Vorhänge blickenden Halbintellektuellen sagen will, der durch Arroganz schon nicht Teil dessen sein kann, was Kultur ausmacht.
Aber Scherz beiseite, wenn die Karte erst das Territorium hervorbringt, dann kann der Potsdamer Platz, und mit ihm auch jeder andere Ort, der als Knoten des uns umgebenden Netzwerkes von Leitungen, Tunneln und Menschen gesehen werden kann, nur durch seine formalen Ausprägungen in den verschiedenen Systemen, die uns mehr oder weniger zugänglich sind, begriffen werden. Das kann klassisch vonstatten gehen, mit der Herstellung eines geographisch-vergleichenden Bezugsrahmens, weiter über die Anreicherung mit persönlicher Erfahrung bis hin zu enger gefassten Narrativen eines sozialen Geflechts, die Räume als das begreifen, was sie sind: Orte der persönlichen und kollektiven Geschichte.
Und da wohl niemand, um das erste Beispiel wieder aufzugreifen, die Erfahrung des Potsdamer Platzes machen kann, die ein Kanalarbeiter macht, bleibt nur die Simulation von Wirklichkeit, die eigentlich schon Wirklichkeit ist.
