Ich möchte wirklich nicht immer auf den armen Zukunftsforschern rumhacken. Nicht nur, dass dadurch deren Wichtigkeit unerhört überhöht erscheint, auch möchte ich vermeiden, von außen nur noch als beinahe reflexartig sich aufregende Person gesehen zu werden. Dafür ist mir das Thema nicht wichtig genug, und überhaupt ist es überflüssig, wenn nicht sogar schlechter Stil, sich über dumme Leute, die dumme Sachen sagen, die von anderen dummen Leuten wiederum geglaubt werden lustig zu machen.
Mir fällt gerade auf, das obiger Absatz für diesen Beitrag eine recht schlechte Legitimation abgibt, auch wenn fraglich ist, ob ich die bei Marvin Cetron überhaupt brauche. Denn der sagt in einem Interview bei sueddeutsche.de, dass Quantenteleportation - damit meint er das, was man bei Star Trek ‘Beamen’ nennt, nicht dieses komische Physikding - schon in 50 Jahren möglich sein könnte. Und wenn er als Grund für diese Behauptung anführt, dass das US-Militär diese Forschung* unterstütze, und dass die Leute im Pentagon keine Phantasten wären, nun, dann brauche ich auch keinen Grund, um mich über den Herrn Cetron gepflegt zu amüsieren. Als ob das nicht schon vorher klar gewesen wäre.
* Vielleicht meint er auch nur, dass das Militär allgemein Forschung unterstützt, so genau kann man das aus seinen Konjunktivkonstruktionen nicht herauslesen. Falls noch mehr Weitsicht dieser Art gewünscht ist: Die kann man in einem Interview mit dem werten Herrn von 1980 finden, in dem er den Zusammenbruch der Sowjetunion nicht vorhersieht.

21 Kommentare
nun ja doch, die grenze zwischen phantasie, vision und schizophrenie ist manchmal wahrlich sehr verschwommen… jedoch gibt es immer noch viele leute, die glauben, dass jesus in den himmel - ach sagen wir mal - teleportiert wurde… tatsächlich gibt es ja sehr viele leute, die behaupten, jesus oder gott tatsächlich begegnet zu sein. die landen dann in einer kirche, jedoch nicht in der psychiatrie. behauptet jemand, ausserirdischen begegnet zu sein, dann vermutet man aber eher doch einen kleinen knacks im porzelan. wenn man gleichermassen bedenkt, wie der papst sich zuweilen kleidet, ist das doch gar nicht mal so weit von gewissen sektenführern entfernt. vielleicht rase ich jetzt etwas am thema vorbei, aber zumindest bleibe ich dabei irdisch.
forschung ist nicht per se wissenschaftlich orientiert. es kommt immer darauf an, von wo der forscher seine informationen bezieht bzw. was er dadurch als realität empfindet. hierzu empfehle ich gerne auch das buch von dürrenmatt “die physiker”, welches aber eh fast jeder kennt und was daher immer nur den bildungsstand des kommentierten sträflich unterschätzt.
Die bizarrsten Dinge findet man immer noch in der Wirklichkeit, und nicht unbedingt an deren Rändern, sondern mehr oder weniger auch in der Mitte. Aus diesem Blickwinkel gesehen sind wir alle irgendwo Phantasten und schaffen es dabei hoffentlich, die Grenze zum institutionalisierten Wahnsinn nicht zu überschreiten.
Das ein Forscher nur das erforschen kann, was er sieht (bzw. sehen will oder kann) ist geschenkt. Aber gerade deswegen muss er wissenschaftlich arbeiten, um eben eine größtmögliche Zuverlässigkeit auch für diejenigen zu erreichen, die etwas anderes sehen als er. Tut ein Forscher das nicht, so bleibt am Ende nur Deskription der Welt, wie man sie selber sieht; eher eine Begrenzung des Blickwinkels als eine Weitung. Als Ratschlag kann da vielleicht gelten, dass man sich nicht in ein Flugzeug setzen sollte, dass von einem Zukunftsforscher entworfen wurde anstatt von einem Luft- und Raumfahrtingenieur ;)
Wenn es darum geht, führe ich gerne ‘Geschlossene Gesellschaft’ von Sartre an, da geht es darum, dass für das Bild, dass wir von uns haben die Anderen immer von großer Bedeutung sind. Das trifft auch den Kern der Physiker, wenn es um die Frage geht, was Wissenschaft kann und soll: Ohne die Anderen, die übergeordneten Systeme der Gesellschaft und der natürlichen Umwelt und der sich in ihnen bewegenden Menschen, kann diese Frage nicht gedacht werden.
Es sei denn, man neigt zur Selbstüberschätzung. Dann ist die Frage nur, wer einem denn das abkauft - wörtlich und metaphorisch - was man so aus der Welt macht.
diese grenze ist jedoch leider längst überschritten. nicht zum wahnsinn im psychopathologischen sinne, aber im gesellschaftlichen (auch wenns abgekaut klingt). aids oder krebsforschung orientieren sich nicht mehr an den anderen (und damit an den kranken), sondern an ruhm, ehre und profit. deshalb werden forschungsgelder verteilt. um besser dazustehen, als andere. um modern und fortschrittlich zu sein. manchmal habe ich den eindruck, manche regierungen spielen privat zu oft civilization.
es geht nicht nur um die sichtweise des forschers selbst, sondern auch um die sichtweise seines kulturellen umfeldes - das stimmt. aber was passiert denn, wenn dieses kulturelle umfeld selbst wiederum eine verzerrte sichtweise hat (oder propagiert)? den idealismus fürs forschertum in ehren, aber ich unterstelle vielen wissenschaftlern andere beweggründe, als idealistische. obwohl du zwar eher den punkt mit der deskription der eigenen welt gemeint hast, da bin ich jetzt vielleicht wieder etwas abgeschweift.
sartre trifft damit nicht nur den kern der physiker, sondern auch den der psychologen. aber man ist sich selbst schliesslich eben doch am nächsten. das ist zwar naive alltagspsychologie, aber nicht so verkehrt. wie gesagt, die beweggründe… die systeme, welche auf eigennutz aus sind… gesellschaften, welche an chemische waffen in einem fernen land glauben, um in den krieg zu ziehen…
wenn es gesellschaften gibt, welche ihren mitmenschen das märchen aufschwatzen können, dass quantenteleportation möglich ist, werden diese auch nichts gegen eine solche forschung einwenden. genauso wenig, wie gegen einen krieg. aber ja, das war jetzt etwas an den haaren herbeigezogen ;o)
Das Problem mit der Zuteilung von Forschungsgeldern und der Motivation von Forschung sehe ich nicht so hart. Klar, an manchen Stellen ist immer etwas im Spiel, das so gar nicht zum wissenschaftlichen Ethos passt, allerdings denke ich, dass die großen Fehler woanders zu finden sind. Um als Beispiel mal die Aidsforschung heranzunehmen, da greifen nach erfolgter Forschung (ob die jetzt öffentlich oder industriell finanziert wurde, lasse ich mal außer Acht) eben nicht mehr wissenschaftliche Prozesse, sondern Prozesse des Marktes oder zu starre Sozialstrukturen, was unerfreuliche Ergebnisse mit sich bringt.
Aber das muss man abgekoppelt vom wissenschaftlichem System sehen, denn das hat auch - bis auf einige Einzelfälle in den Geisteswissenschaften - keine Strukturen entwickelt, nach denen mit wissenschaftlichen Ergebnisse in irgendeiner Form ethisch oder verantwortungsbewusst umzugehen sei. Eher das Gegenteil: Sobald die Erkenntnis die Wissenschaft verlassen hat, ist sie zum Anschließen für andere Systeme freigegeben. Ob die Gesellschaft oder Teile der Gesellschaft dann ethisch korrekt damit umgehen ist kein Problem der Wissenschaft, sondern ein Problem der Gesellschaft.
Wobei es schon ein Problem ist, inwieweit die Wissenschaft daran festhalten kann, Wissenschaft zu sein und nicht zu einem rein resultatsbezogenen und ökonomisch kodierten Lieferanten von verwertbarem Wissen zu werden. Aber auch das ist wiederum gesellschaftlich bedingt, genau wie auch die zunehmende ökonomische Verortung des einzelnen Menschen.
Das Problem meiner Ansicht nach ist dabei die zunehmende Umkodierung nach Maßstäben des ökonomischen Systems. Die macht nicht vor der Politik, nicht vor dem einzelnen Menschen und auch nicht vor der Wissenschaft Halt. Und auch vor dem Glauben nicht, wenn der nicht mehr ohne entsprechenden Geldaufwand zu haben ist. Die verzerrte Sichtweise, die Du erwähnst, kommt dann zustande, wenn ‘unpassende’ Rahmungen und Kontexte auf einen Gegenstand angewendet werden.
So etwas wie Glück kann man beispielsweise mit Geld nicht beschreiben, und trotzdem wird immer wieder der Versuch unternommen, es doch zu tun. Da ist man dann nicht nur strukturell wahnsinnig, sondern auch noch ein Hamster im Laufrad ;)
aids ist eine krankheit, welche durch forschung zustande gekommen ist. hier zeigt sich das grundproblem. ethische verletzungen haben erst dazu geführt, dass dieses virus zum menschen kam. würde die wissenschaft ethisch handeln, wäre dies nicht passiert. nein, ich denke auch nicht, dass ethik in der wissenschaft eine rolle spielt. auch in den geisteswissenschaften nur bedingt und erst seit kurzer zeit (siehe z.b. noch das berühmte milgram-experiment).
aber wer oder was legitimiert wissenschaft? worin besteht der unterschied zwischen gesellschaft und wissenschaft? wenn das eine werkzeuge und technologien für das andere schafft, koste es was es wolle, ist dann nicht die gesellschaft die legitmation für die wissenschaft selbst? ist es dann nicht so, dass die gesellschaft der wissenschaft die ethik vorgeben sollte? meiner meinung nach führt dies zu einem zirkelschluss…
Sorry, das ist Bullshit. Da gibt es andere, besser belegte Beispiele für die Unredlichkeit der Wissenschaft.
Und ja, Wissenschaft und Gesellschaft lassen sich nicht voneinander trennen. Das habe ich oben bereits versucht zu erklären: Wissenschaft allein ist nur ein Prozess der Generierung von Wissen über die Welt. In welchen Grenzen der vor sich geht, ist aber eine Frage der Ethik bzw. der Verantwortbarkeit von gewissen Mitteln. An dieser Kopplungsstelle muss man dann die Frage nach der Ethik stellen.
Eine Legitimation für die Erschließung von Wissen einfordern zu wollen ist allerdings unsinnig. Viel eher muss die Legitimation für das ‘wie’ der Erschließung von Wissen eingefordert werden. Das mag insoweit ein Zirkelschluss sein, weil sich ethische Bewertungen im Laufe der Zeit ändern, aber dann könnte man auch der Ethik und der Moral dieselbe Existenzfrage stellen. Da würde man auch nicht klüger sein als zuvor.
nun, inwiefern das bullshit oder ausreichend gut belegt ist, liegt im auge des betrachters bzw. kommt darauf an, welchen theorien man glauben mag. ein schlechtes beispiel ist es trotzdem, das stimmt.
ich habe mich undeutlich ausgedrückt: ich stelle nicht die legitimation der wissenschaft an sich in frage, vielmehr sollte dort forschung stehen, wo ich wissenschaft geschrieben habe. das meinte ich. und da sind wir uns ja schliesslich einig: das “wie”. nur gibt es jedoch fragen nach dem was, welche kaum ethisch zu beantworten sind.
moralische gesetze sind - glaubt man sozialen bereichstheoretikern - universell zu verstehen. die intrinsischen konsequenzen sind entscheidend und jedem ersichtlich, ohne abhängigkeit von autoritäten. dass dabei trotzdem unmoralisch - und damit zu einem guten teil unethisch - gehandelt wird und wir das als gesellschaft legitimieren, das stelle ich in frage. ethisch ist, was wir zulassen? nein. ethik und moral als übergeordnete konzepte dürfen nichts mit bewertungsprozessen zu tun haben. so weit kommts noch, dass jede gesellschaft seine eigene moral- und ethik definieren darf. im gegenteil: ethik und moral wären im besten falle konzepte, welche wie gesagt universell zu verstehen sind.
dazu herrscht aber eine rege debatte und ist wiederum ansichtssache. ich halte aber trotzdem nicht viel von unterscheidungen wie “individualistisch” vs. “kollektivistisch”. DAS ist bullshit.
Ich will hier nicht näher darauf eingehen, aber die These, dass Aids durch ein experimentelles Impfmittel auf den Menschen übertragen wurde, ist schon seit einigen Jahren widerlegt. Und gerade wenn es um den Unterschied zwischen wissenschaftlicher Vorgehensweise und begrenzter Wahrnehmung - die sich komischerweise auch Wissenschaftlichkeit für sich beansprucht - geht, ist es wichtig, da die Differenz zwischen dem wissenschaftlichen System und dem, was sich drumherum abspielt, beizubehalten.
Vielleicht sollten wir an diesem Punkt dann auch zwei Ebenen unterscheiden, einerseits den wissenschaftlichen Prozess mit dem Ziel der Genese von Wissen, andererseits die Forschung, welche eher (vor allem im privat finanzierten Bereich) anwendungsbezogen vor sich geht und letzten Endes natürlich auch unter ethischen Gesichtspunkten gesehen werden muss. Wobei ‘Forschung’ da ein unglücklicher Begriff ist, da er hier wie dort verwendet werden kann. Aber ein besserer fällt mir gerade nicht ein ;)
Ob Moral und Ethik nun universelle Konstanten sind, ist mir erst mal egal. Wenn sie es wären, wer könnte sie beschreiben? Und wäre der freiheitsliebende Liberale näher dran als der an tradierten Familienwerten festhaltende Konservative? Im Endeffekt speist sich deren Moral dann wieder aus anwendungsbezogener Reflexivität, die als universell angenommen wird. Was vielleicht eine Eigenart des menschlichen Verhaltens ist, ohne die keine Bewältigung der Welt möglich wäre.
Worauf wir uns einigen können, ist wohl eine Konvention von allgemein gültigen Moralsätzen, die universell gelten sollte - auch wenn man gerne ‘gilt’ schreiben würde.
Was Unterscheidungen wie indivdualistisch und kollektivistisch angeht, als starre Konstanten sind sie Bullshit, als Hilfe zur Einengung des Blicks bei gewissen Fragestellungen können sie durchaus hilfreich sein. Sollte ich unverständliches schreiben, hilft vielleicht das hier als Hintergrund weiter, da ich immer aus einer sehr Luhmann-geprägten Warte auf die Welt sehe.
ich bekenne mich der begrenzten wahrnehmung schuldig: es war bullshit. danke für den hinweis, denn ich wusste bis heute nicht, dass die theorie widerlegt wurde. mir hat man vor nicht allzu langer zeit in biologie-schwerpunkt diese als die plausibelste theorie aufgetischt. miseducation sucks!
ja, ich sprach eigentlich die ganze zeit eher von “forschung” als von wissenschaft ;o). unklar, wie ich manchmal schreibe.
das moralische verständnis wird von der sozialen bereichstheorie beschrieben, allen voran elliot turiel und judith smetana. und wenn man sich darauf einlässt, wird klar, dass das moralische verständnis ein entwicklungsschritt in unserer kindheit ist, welcher universell vollzogen wird. alles andere sind normen, konventionen oder informationale annahmen (= von wo beziehe ich welche informationen über die realität? und was betrachte ich als realität?). der moral ist derjenige näher, welcher keine moralischen vergehen begeht (ich erspar uns jetzt die ganzen definitionen dieser theorie). alles andere ist falsche “moral”, zumindest für mich und für die vertreter dieser theorie. das hat nichts mit konservativ vs. liberal zu tun.
eine solche trennung vereinfacht uns - wie die meisten kategorien - das denken. nicht aber das leben. denn die debatte ist hitzig und langwierig. ich finde mich halt einfach nicht so individualistisch hier, wo alle einen iPod haben, möbel von IKEA, gerne zu McDonald’s gehen und alles irgendwie irgendwo gleich aussieht, gleich riecht und gleich schmeckt. wir leben doch hier alle auch in abhängigkeit von konventionen und zwängen.
Ich konnte jetzt auf die Schnelle keinen groben Überblick über die soziale Bereichstheorie finden. Wenn ich Dich richtig verstehe, gibt es da also einen Unterschied zwischen ‘moralischem Verständnis’ und übergeordneten Normen? Und das moralische Verständnis wird im Kindesalter geformt?
Wenn ich da die richtigen Schlüsse ziehe, wäre also ein allgemeiner Horizont des Moralischen in jedem Menschen angelegt, und nur im Abgleich des eigenen Verhaltens mit diesem Horizont fände dann sozusagen eine Bewertung von moralisch/unmoralisch statt.
Das klingt erstmal interessant, auch wenn ich da eher die Position vertrete, dass jede Form der Moral erst ausgehandelt werden muss. Vor allem wenn ich bedenke, dass gewisse Absolutheiten der Moral, die man von jedem Menschen annehmen könnte, durchaus dehnbar sind. Ich werfe hier nur mal die Frage nach der Legitimation des Tötens in den Raum.
Aber an der Frage, ob es ein absolut Gutes/Böses und damit eine absolute Moral geben kann, haben sich schon andere die Zähne ausgebissen. Sogar Kant brauchte dafür den kategorischen Imperativ ;) Vielleicht einigen wir uns darauf, dass universelle moralische Prinzipien gelten sollen, egal ob sie absolut oder erst ausgehandelt sind.
Iich mich durchaus individualistisch ;) Ob ich es dann auch bin ist eine andere Frage.
ja, du verstehst mich richtig. man unterscheidet den moralischen vom sozial-konventionellen bereich (konventionen, normen, gesetze etc…).
im wesentlichen lässt sich der moralische bereich so zusammenfassen (das ist ein teil aus meiner diplomarbeit):
“Es ist in allen Teilen der Welt eine moralische Frage, jemandem schweren körperlichen Schaden zuzufügen. Dies hängt nicht von sozialen Regeln, Normen oder Gesetzen ab, sondern ist durch die wesentliche, dem Ereignis innewohnende und offensichtliche Tatsache einer Schädigung oder Verletzung begründet. Dies beschränkt sich natürlich nicht nur auf physische Schädigungen. Jemanden zu töten kann aber, je nach Kontext (z.B. Notwehr oder im Krieg), eine ganz andere Bedeutung bekommen. Entscheidend ist hier, dass es die moralische Beurteilung des Ereignisses ist, welche universell gültig sein soll. Das moralische Urteil über ein spezifisches Ereignis, welches in einem spezifischen Kontext passiert, muss demnach kontextunabhängig sein und für jedes Individuum gleich ausfallen. Sonst kann Moral nicht universell sein. Die Mitberücksichtigung des Kontextes, in welchem sich das Geschehene ereignet hat, ist dabei für die Urteilsbildung immer noch ein entscheidender Punkt.”
was die frage nach der aushandelbarkeit auch beantworten sollte. aber das ist weder unumstritten, noch ist es die ganze wahrheit.
Sind demzufolge dann moralische Urteile immer kontextabhängig? Für mich beißt sich das ein wenig mit dem Absolutheitsbegriff, den ich so kenne. Interessant finde ich allerdings den Ansatz, dass universelle moralische Strukturen in der Kindheit gebildet werden sollen. Gibt es dazu psychologische Studien? Das Innenleben des Menschen ist nämlich mal so gar nicht mein Fachbereich.
Ich sehe gerade, dass der letzte Satz meiner vorherigen Kommentars etwas verstümmelt ankam. Sollte eigentlich so heißen: Ich fühle mich durchaus individualistisch ;) Ob ich es dann auch bin ist eine andere Frage.
nein, eben nicht:
“Das moralische Urteil über ein spezifisches Ereignis, welches in einem spezifischen Kontext passiert, muss demnach kontextunabhängig sein und für jedes Individuum gleich ausfallen”
das moralische urteil ist unabhängig vom kontext, in welchem das urteil gefällt wird, jedoch abhängig vom kontext, in welchem das eriegnis selbst passiert.
dazu gibt es massenhaft studien. grundtenor: so ab dem 3.-4. lebensjahr wird der moralische bereich vom sozial-konventionellen getrennt und zwar universell. für diese trennung gibt es kriterien, die zu lang sind, um sie hier auszuführen. gemessen wird dies anhand von sozialen interaktionen. als einstieg empfehle ich jeweils gerne die artikel von Laupa & Turiel (1995), Helwig & Turiel (2002) und die Studie von Yau & Smetana (2003).
Also sollten alle Individuen in einer spezifischen Situation innerhalb eines spezifischen Kontexts zum gleichen moralischen Urteil gelangen. Das wäre nun klar. Deinen zweiten Absatz musst Du aber näher erläutern, da ich zwischen ‘Kontext, in welchem das Urteil gefällt wird’ und dem ‘Kontext, in dem das Ereignis passiert’ noch nicht so unterscheiden kann.
Und eine Frage noch, um vielleicht an einem Beispiel das Ganze etwas klarer zu machen: Geht es dann z.B. bei einem Thema wie der Stammzellenforschung nur um sozial-konventionelle Fragestellungen? Soweit ich das sehe müsste ich das erstmal bejahen. Gleichzeitig würde der Bereich, in dem eine absolut entwickelte Moral greift, dann aber doch wieder eingeengt? Beispielsweise nur auf Entscheidungen, die sofortige Konsequenzen haben?
Sollten das zuviel Fragen sein, dann Entschuldigung ;) Aber wenn man schon mal Leute hier hat, die etwas wissen, dann ist die Neugier groß.
ok, mal ein beispiel:
ein junge schlägt ein mädchen. das ist ein moralisches vergehen. das mädchen hat aber vorher den jungen auch geschlagen. das ist der kontext des ereignisses: dem vergehen ging eine provokation voraus.
das urteil über dieses moralische vergehen hängt vom kontext ab, in dem das ereignis geschieht (provokation: ja oder nein?). aber sowohl ich wie auch mein chinesisches oder algerisches pendant sollten zum gleichen urteil kommen: dass es ein moralisches vergehen ist. das sind die kontexte, in welchen die urteile gefällt werden: hier also die kulturen.
die stammenzellenforschung ist ein gutes beispiel. die soz. bereichstheorie gibt den spielraum der “informationalen annahmen”: was betrachtest du als realität? welche informationen verwendest du für diese betrachtung? glaubst du an gott und die bibel? oder an darwin? die frage bei der stammzellenforschung ist, ab wann für dich leben beginnt. wenn sie deiner ansicht nach leben verletzt, dann gehört sie zum moralischen bereich. wenn nicht, ist es der konventionelle bereich.
hingegen, dass wir menschen versuchen gott zu spielen, das denke ich hat mit moral für sich allein mal noch nichts zu tun.
Ah, der Kontextbezug findet also auf zwei Ebenen statt: situativ und kulturell. Jetzt wird einiges klarer.
Zum Stammzellenbeispiel: Da ist dann die Trennung zwischen moralischem und konventionellen Bereich für jedes Individuum einzeln zu denken? Und diese wurde in den ersten Lebensjahren ausdifferenziert und festgelegt? Das würde Sinn machen, auch wenn ich denke, dass da der Absolutheitsbegriff nur individuell für den moralischen Horizont der Einzelperson angewendet werden kann.
im prinzip ja: jeder mensch kann seine eigene vorstellung davon haben, ab wann leben für ihn wirklich beginnt. nur gibt es hierzu zwei ansichten: entweder leben hat zu diesem zeitpunkt bereits begonnen oder nicht. daher ist es eher weniger individuell.
was in den ersten lebensjahren ausdifferenziert wird ist die fähigkeit, moralische vergehen zu erkennen und diese von sozial-konventionellen vergehen (z.b. den lehrer duzen, mit den fingern essen) zu unterscheiden. es ist keine trennung in diesem sinn, sondern eine unterscheidung. auch keine absolute festlegung, weil jedes kind sich weiterentwickelt und sein eigenes weltbild formt, glaubenssysteme aufbaut, seine eigene realität mental repräsentiert und konstruiert (siehe eben diese “informationale annahmen”). ab hier wirds dann aber echt kompliziert ;o).
hoppla, der kommentar oben war von mir. log-in vergessen…
Ich mag binäre Differenzierungen und Unterscheidungen, da wären wir wieder bei Luhmann ;) Und Danke für den erhellenden Einblick, der mal wieder klar macht, dass man eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt denkt.
nein, man denkt tatsächlich viel näher als man glaubt…… jesses, ein unabsichtliches wortspiel ;o).
Ich denke, dass ich glaube wenn ich glaube zu denken. Um mal die sprachlichen Querbeziehungen auf die Spitze zu treiben ;)