Viertelefinale

Draußen geht gerade die Sonne unter, an anderen Orten gehen andere Dinge unter. Zum Beispiel meine bis jetzt gewahrte Distanz zu, nun, sagen wir mal eher profaneren Formen der Kommunikation. Formen, die allgemein anerkannte Konventionen, was denn nun unter Höflichkeit und dem zivilisierten Umgang miteiander zu verstehen sei, in vollstem Ausmaß ignorieren. Die Ratio versinkt hinter dem Horizont und lässt den instinktiven Zuständen freien Lauf. Mal so richtig auf die Kacke hauen, mal so richtig derbe geil drauf sein.

So derbe geil wie die Nachbarn, das Studentenpack, das nicht nur unter dem Fenster meines Arbeitszimmers, direkt vor meinen primären Sinnesorganen, eine Deutschlandfahne hissen musste, sondern neben dieser Beeinträchtigung des Ausblicks - von der Verschandelung des Stadtbilds will ich gar nicht reden - sich auch nicht schämt, grölende Jubelchöre zu zelebrieren, deren eher stolpernde Ausführung an den immer betrunkenen Onkel erinnert, der auf Hochzeiten nach dem zuvielten guten Viertele gerne mal die Brautjungfern begrapscht.

Aber das ist Meckern auf hohem Niveau, die aktuellen Nachbarn sind - bei gleichbleibendem Quälquotient des Vermieters, der ebenfalls im Haus wohnt - besser als die vorherigen. Außerdem könnte ich nie ausfällig werden, dafür bin zu sehr Schwabe. Man muss nämlich auch mit Emotionen sparsam umgehen.

Den schlechten vor allem. Vom Nationalstolz gar nicht zu reden.

10 Kommentare

  1. Anonym
    20 Juni, 2008 geschrieben in 9:35 Uhr vormittags | Permalink

    Nächstes Spiel…
    Supersoaker!!! Autokolonne Olè…
    Wie die alte Dame mit der Katze am Fenster sitzen…
    Nur anders ;-)

  2. 20 Juni, 2008 geschrieben in 11:46 Uhr vormittags | Permalink

    Ich bin ja immer für Eier (natürlich Bio und aus Freilandhaltung) als entsprechendes Wurfgeschoss. Gerade im Supermarkt war ich fast wieder versucht, einer 12er-Packung mitzunehmen ;)

    Wobei eine Adorno- Gesamtausgabe auch eine gute Idee wäre, aber dann hat man nur einen Schuss.

  3. 21 Juni, 2008 geschrieben in 14:00 Uhr nachmittags | Permalink

    Warum wird Spaß am Fußball immer sofort mit Nationalstolz gleich gesetzt?Ich habe keine Ahnung von dem Sport und würde micht nicht als mit “Stolz” belastet bezeichnen, trotzdem schaue ich mir gerne an, wie die Mannschaften spielen und freue mich mit meinem Favouriten. Es ist einfach eine nette Unterhaltung und solange man kein Irrer ist, auch vollkommen ungefährlich…

  4. 21 Juni, 2008 geschrieben in 14:23 Uhr nachmittags | Permalink

    Falls das falsch rübergekommen ist, eine kleine Korrektur: Ich habe nichts gegen Fußball, im Gegenteil, ich weiß den Unterhaltungswert eines guten Spiels durchaus zu schätzen. Was ich aber nicht verstehe, ist der kollektive Freudenrausch, der sich in Formen ausdrückt, die ich nicht mehr verstehe.

    Und Nationalstolz ist durchaus damit verknüpft, wenn eine Masse an Leuten sich durch die Straßen schiebt, in Fahnen gekleidet und laut ‘Super Deutschland!’ skandierend. Eine Masse, denen Fußball komischerweise immer nur dann interessant erscheint, wenn es eine Gelegenheit zum kollektiven Ausflippen bietet. Salopp gesagt: vor drei Wochen noch nicht mal gewusst was Abseits ist, aber jetzt Experte sein.

    Aber vielleicht bin ich als Innenstadtbewohner auch etwas zu viel sensibilisiert. Ist auch verzeihlich, nach zwei Wochen ohne Schlaf ;)

  5. 21 Juni, 2008 geschrieben in 15:36 Uhr nachmittags | Permalink

    Wer sich nach dem halbdebilen 1:0 gegen Österreich tatsächlich in sein Auto gesetzt hat, um volldebil hupend direkt in den Verkehrsstau zu steuern, sollte sich schon bei Gelegenheit fragen lassen müssen, ob mit ihm noch alles in Ordnung ist. Und dann noch mal drüber nachdenken, ob man’s Fußball-Vaterländle nicht eher beleidigt, wenn man sich über einen hingestolperten Sieg gegen eine Fußball-Drittweltland dermaßen im Positiven erregt.
    Wie soll man einem auch die Freude übers Portugal-Besiegen abnehmen, wenn er nach Österreich schon auf die gleichselben Straßen erbrach?

  6. 21 Juni, 2008 geschrieben in 16:49 Uhr nachmittags | Permalink

    Genau, und das Erbrochene wird dann von den Leuten weggewischt, die eh früh aufstehen ;) Aber immerhin weiß ich jetzt, wie sich die Einwohner von El Arenal in der Hochsaison fühlen müssen.

    Bei der WM war das auch schon so, da klaffte zwischen wirklicher und wahrgenommener spielerischer Leistung (das ist wie die gefühlte Temperatur) eine ganz große Lücke. Und so wird es wieder sein, anstatt einer Mannschaft, die es wirklich verdient hätte, stolpert wahrscheinlich die deutsche Mannschaft ins Finale und versagt dort.

    Das wären, kurz nachgezählt, noch zwei Nächte, in denen ich es bereuen werde, nicht auf dem Dorf zu wohnen. Da geht man nach dem Elfmeterschießen nämlich ins Bett und erst beim Frühschoppen kommt die Manöverkritik.

  7. 22 Juni, 2008 geschrieben in 13:22 Uhr nachmittags | Permalink

    Wobei die Einführung einer Metaebene in die fußballerische Leistung, als gäbe ein anderes Kriterium als den Sieg fürs Weiterkommen, mir meistens auch nicht hilft. Nichts gegen Sympathiepunkte, aber wenn’s die vormals grandios spielenden Holländer halt so vergeigen und uns die Aussicht auf ein wirklich episches Finale nehmen, gönn ich das den Russen doch sofort.

    Jetzt muss es heute Abend noch Italien schaffen, dann stehen endgültig vier Berliner Mannschaften im Halbfinale, das wird hier dann doch wieder ein Stück mehr 2006 — ab dann kann man sich auch wieder beim Fremdsehen verbrüdern :)
    Aber wird schon Mittwoch interessant, wie sich die beiden größten Jubelinszenierungs-Laientheater verstehen werden.

  8. 22 Juni, 2008 geschrieben in 19:12 Uhr nachmittags | Permalink

    Wenn Fußball ein System mit logisch-objektivem Output wäre, dann wäre auch dessen Attraktivität dahin ;) Aber dennoch: es gibt Siege und dann gibt es noch verdiente Siege, nur ist so etwas schnell vergessen, wenn man den Pokal küssen darf.

  9. 23 Juni, 2008 geschrieben in 3:55 Uhr vormittags | Permalink

    Seien wir ehrlich: an einem Tag denkt man harmlos über verdiente und unverdiente Siege nach. Am nächsten steckt man plötzlich knietief in Marxismus-Theorie und hat keine Ahnung, wie man da rauskommt oder warum der ganze Schwachsinn um einen rum keinen Sinn mehr ergibt.

    Ich sag nur. Das geht schneller als man denkt!

  10. 23 Juni, 2008 geschrieben in 7:51 Uhr vormittags | Permalink

    Ist Fußball denn etwas anderes als Klassenkampf? Oder anders formuliert, Kampf um den Klassenerhalt?

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben.