Zwölf Uhr Mittags
Sie sind zu viert. Alle Mann nebeneinander, die Straße einnehmend, als ob John Wayne ihr Vater gewesen wäre. Oder, um bei Western und Familienbeziehungen zu bleiben, vielleicht sind sie auch die vier Söhne der Katie Elder. Ein Vergleich, der nur einen Nachteil hat: Keiner der vier sieht auch nur im entferntesten so wettergegerbt und zerfurcht aus wie der bereits erwähnte John Wayne, der alte Nazi. Von den undefinierbaren, den Alkoholgenuss der folgenden Jahre schon erwartenden Gesichtszügen eines Dean Martin ganz zu schweigen. Nein, die vier hier, denen so offensichtlich die Straße gehört, sind nur die Vertriebsabteilung der benachbarten Firma, irgendwas mit Schaltplatinen und Messgeräten machen die. Zwar könnte man dieses Geschäft auch als den wilden Westen des deutschen Mittelstandes bezeichnen, aber das wäre doch zu viel an rauhbeiniger Romantik, die man da herantragen würde.
Aber den langsamen Gang in Zeitlupe, das muss man ihnen zugestehen, haben sie schon ganz gut drauf. Zwölf Uhr Mittags im Industriepark, auch wenn das Ziel nur der Discountbäcker unten an der Straße und eine Uhr in Großaufnahme nirgends zu sehen ist. Aber die Pose, die stimmt. Das mag auch an ihrem sehr gut aufeinander abgestimmten Outfit liegen. Schwarze Stoffhose, weißes Hemd, die Ärmel bis kurz unter den Ellenbogen hochgekrempelt. Die bleiche Krawatte – das Pistolenhalfter aller Anzugträger – entweder mit gelockertem Knoten oder, wie bei dem, der sich durch einen besonders breiten Gang hervortut, auch erst gar nicht vorhanden. Dabei sind es noch drei Tage bis zum Casual Friday, an dem man wöchentlich so richtig die Sau rauslassen kann. Der Eindruck, es bei diesem Kerl mit dem Rebell der Truppe zu tun zu haben, verstärkt sich dadurch noch, dass bei näherem Hinsehen er der Einzige ist, dessen Hose nicht so ganz zum Farbton der von den anderen aufgetragenen Hosen passen will. Sein Schwarz scheint sogar fast ins Graue zu gehen. Ob er sich das auch leisten kann? Dieses Ignorieren der herrschenden Konventionen? Offenbar.
Ich würde wetten, dass er auch der Erste ist, der beim Bäcker die Straße runter bestellen darf. Nicht weil er drängelt, sondern weil ihn die anderen vorlassen. Das er dann aber auch – wie der Rest – wahrscheinlich nur eine Frikadelle im Brötchen essen wird, das ist eine andere Sache.
