Die Soziologen saßen bisher auf dem hohen Ross der Säkularisierungs-annahme. Sie gingen davon aus, dass sich das Problem Religion von selbst erledigt. Je mehr Moderne, desto weniger Religion. Das ist die sehr simplifizierte Standardformel mit der sowohl die soziologische Theorie wie alle anderen operiert haben, übrigens auch in der Politik, seit der Aufklärung. Offenbar aber schaukelt sich gerade aus der Selbstverunsicherung der Moderne die Religiosität neu auf und gewinnt eine Weltmachtposition, wie immer die genau gesehen werden muss.
Ulrich Beck über die Möglichkeiten eines konstruktiven Umgangs mit Religiosität.


„gutgläubig“ weil Du dem Beck „Glauben“ schenkst oder seine Thesen für verfehlt hälst?
Hmm, die Frage habe ich erwartet und deswegen auch eine eher zweideutige Überschrift gewählt. Wo ich Beck Recht geben muss ist bei dem Umstand, dass die Soziologie Religion immer als einen zwar interessanten, aber in weiterer Hinsicht vernachlässigbaren Bestandteil der modernen Welt gesehen hat. Da hat man sich immer auf Simmel und Weber verlassen und, wenn es um die Ausgestaltung der Welt ging, mehr das Individuum, die Politik, die Wirtschaft oder neuerdings dezentrale soziale Netzwerke als tragende Akteure gesehen. Religion wurde zwar behandelt, nach meinem Horizont (der, muss ich zugeben, auch sehr eingeschränkt sein kann, weil z.B. sehr viel angelsächsische Sachen gar nicht den weg hierher finden) aber nur marginal. Da ist es dann natürlich ungut, wenn die Realität anders aussieht.
Andererseits bezweifle ich, dass eine individualisierte, postmoderne Form der Religion das Hauptparadigma aller Religionen (gläubig/ungläubig) auflösen bzw. durch ein anderes ersetzen kann. Dieser Gegensatz ist für mich persönlich schon fundamental: Sobald ich mich als gläubig bezeichne und dies darüberhinaus noch im Kontext einer größeren Gruppe tue, ziehe ich eine Grenze zu den Ungläubigen. Nach Beck wäre es dagegen erstrebenswert, dass diese Grenze zwischen gläubig/anders gläubig verlaufen würde, da damit sich auch im Andersgläubigen der eigene Glaube spiegelt und der fundamentale Gegensatz keine Rolle mehr spielt. Da möchte ich aber bezweifeln, ob das nach den Mythen, wie sie von Religionen gebildet werden, möglich ist, da diese, salopp gesagt, nach dem Wer-Wird-Millionär-Ausschlussverfahren vorgehen und die Richtigkeit ihrer Lösung – nicht die Anerkennung, dass die anderen Lösungen auch richtig sind – den inneren Kern ausmacht.
Allerdings hätte ich nichts dagegen, wenn man moderate Gläubige mit vertretbaren Standpunkten in den öffentlichen Diskurs miteinbezieht, auch wenn mir mein Idealismus sagt, dass das religiöse Drumherum doch gar nicht notwendig wäre. Ein Kompromiss, der ohne die Grenze der beiderseitigen Akzeptanz zu überschreiten zur Verbesserung der Umstände beiträgt, ist praktisch gesehen ein guter Kompromiss.
Gutgläubig heißt in dem Sinn also, dass man als guter Gläubiger die Kontingenz der eigenen Perspektive wahrnimmt. Es kann aber natürlich auch heißen, dass ein Glaube an eine Religion ohne fundamentale Eigenschaften zu optimistisch ist.
Eigentlich tendiere ich zu letzterer Meinung, auch wenn ich es pragmatischerweise begrüßen würde, wenn im öffentlichen Diskurs eine moderate religiöse Fraktion eine größere Rolle spielen würde als eine fundamentale.