Drüben bei kamenin gibt es ein tolles Beispiel für den Zusammenhang, den wir letztens am Küchentisch thematisierten, als darum ging, wo denn die Gründe für die von uns und anderen so empfundene Häufung von Ingenieuren in gewissen verschwörungstheoretischen Kreisen liegen könnte. Zwei Vorschläge kamen in unsere engere Auswahl: Erstens die fehlende Trennschärfe des eigenen Skeptizismus, der einem während einer dezidiert wissenschaftlichen Ausbildung, die nicht nur an der Praxis orientiert ist, vermittelt wird. So ist man durchaus in der Lage, auch mit einem tiefreligiösen Weltbild und allen seinen Fallstricken Flugzeuge und Kraftwerke zu bauen. Umgekehrt natürlich auch: zu zerstören.
Der zweite Vorschlag, der irgendwie auch mit dem ersten zusammenhängt, war ein stark funktions- und strukturdeterministisches Modell der Weltannahme, das dem Ingenieursdenken zugrunde liegen könnte. Also letzten Endes die Abstrahierung der Welt in die Form eines beeinflussbaren Systems, in dem alles bestimmten Regeln folgt und alles eine bestimmte Ursache hat – das können dann die Freimaurer, die zionistische Weltverschwörung oder auch nur Gott sein. Mit nur einem Problem: dieses Gesamtsystem, und darum geht es natürlich immer, ist so komplex, dass noch nicht mal mit Sicherheit gesagt werden kann, ob je ein Mensch überhaupt dessen universalen Strukturen auf die Spur kommen kann. Wenn man dieses Gebiet nun mit den begrenzten Mitteln eines Ingenieurs erschließen will, können am Ende eigentlich nur unzulässige Vereinfachungen stehen.
Von unzulässigen Verantwortungszuweisungen mal ganz abgesehen.
Komischerweise deckt sich das mit meiner persönlichen Erfahrung: Im Büro würde es mich nicht wundern, wenn mich einige der dortigen Ingenieure mal mit einem lustigen Hütchen aus Aluminiumfolie begrüßen würden. Auch wenn die meisten doch nett und ganz vernünftig sind, so als Entwarnung.


Hmmm….
Die Sphäre der Weltverschwörung ist irgendwo in den Weiten der Kontingenz gelagert, wie das vermeintliche Können der Ingenieure.
Wir wissen: Die können Atombomben bauen und Menschen auf den Mond stellen. Wie sie das machen, keine Ahnung.
Keine Ahnung, wie der 11. September zustande kam. Keine Ahnung, wie eine Atombombe gebaut wird. Keine Ahnung und keine Ahnung ergeben doch eigentlich eine plausible Verbindung ;)
Das wäre mein Beitrag zum Küchentischdiskurs :)
Cheers
A.
PS.: Ich suche die ganze Zeit Adornos Essay „Freizeit“. Weißt du vielleicht, in welchem Band dieses abgedruckt sein könnte?
Zugeben, wann man keine Ahnung hat, das nenne ich Vernunft ;)
Adorno über die Freizeit? Hmmm, da stolper ich immer nur drüber, wenn das anekdotisch erwähnt wird und Google gibt auch nicht viel her. Zum Glück funktioniert aber die Suche auf der Suhrkamp-Website einigermaßen, die haben meines Wissens eine Reihe mit den gesammelten Adorno-Schriften. Die sagt, dass das Essay enthalten ist in:
Kulturkritik und Gesellschaft II, S. 645-655 oder ursprünglich in Kritische Modelle 2.
Zugeben, wenn man keine Ahnung hat, nenne ich vor allem realistisch sein ;)
Politologen z.B. haben damit große Probleme: also mit der Realität (welche?) und der Selbststeuerung.
Danke für die Hinweise. Ich suche auch schon lange. Bin auch immer nur über die anekdotischen Erwähnungen gestolpert.
Cheers
A.