„Es war ziemlich unübersichtlich“, erinnert er sich. „Die Zettel waren so zusammengequetscht, dass sie teilweise hinten aus den Kästen quollen. Es gab zerrissene Kalenderblätter mit Notizen, Rückseiten von Briefen, Fotos, gevierteilte Kinderbilder … – ja, Zeichnungen von seinen Kindern. Er muss alles beschrieben haben, dessen er habhaft werden konnte.“
Bald in einem Filmtheater in ihrer Nähe: Die Obsessionen [via] des Herrn Luhmann.


Gevierteilte Kinderbilder. Ich werd nicht mehr. Wahrscheinlich sind seine Kinder genau deshalb so traumatisiert, dass sie sich jetzt nur noch streiten…
Sehr schön ist auch der Zettelkasten-Lebenspartner-Vergleich :-)
Der Artikel ist ja von 2003, vielleicht vertragen sie sich mittlerweile wieder. Wobei, in meiner Familie währen Verwandschaftsfeindschaften auch etliche Jahrzehnte ;)
„Meine Frau ist gestorben, mein bester Freund ist gestorben; meine Kinder sind ein wesentlicher Teil meines Lebens. Mit ihnen und der ganzen Jugendkultur um sie herum lebe ich hier zusammen. Aber die Menschen meines Alters, die ich gern hatte, die habe ich verloren, die sind schwer zu ersetzen.“¹ Für sowas gibt’s dann Zettelkästen!
¹ LUHMANN im Interview mit Rainer Erd und Andrea Maihofer: Biographie, Attitüden, Zettelkasten, in: ders.: Archimedes und wir, Berlin 1987, S. 147.
Erbschleichererei ist ja schon so ziemlich wiederlich, aber das mit diesen Namen auch noch in aller Öffentlchkeit zu veranstalten da gehör neben der Gier, auch noch eine gehörige Portion Blödheit dazu.
@Autopoiet: Luhmann war trotz allen systematischen Einblicks also auch nicht gefeit vor der Entfremdung, die sich im Umgang mit anderen Generationen manchmal einstellt. Irgendwie beruhigt mich das.
@cromax: Ich weiß nicht ob es da um Erbschleicherei oder niedere Absichten geht. In den meisten solcher Fälle ist es nur der traurige Umstand, dass jeder der Nachkommen meint, besser zu wissen, was der Verstorbene eigentlich wollte.
Stimmt, vielleicht bin ich da in der Beurteilung zu eifrig. Aber ist doch schon merkwürdig. Da schreibt sich einer sein Leben lang alles Mögliche auf und den entscheidenen Punkt seines Erbes vergisst er genau zu definieren. Und nun dieses Theater. Wenn Luhmann ( ich muss zugeben dass ich den Namen vor diesen Beitrag gar nicht kannte) für die Menschen geschrieben hat, dann sollte man es auch den Menschen zugänglich machen und kein Orakel aus diesen Schrank machen. Es sei denn dieser Luhmann besaß einen Charakter wie Gauss, der ja auch seine Sahnehäubchen der Öffentlichkeit vorenthielt. Wer weiss, vielleicht wollte er es ja, dass es so kommt.
@ Mark: Mich beruhigt das auch. Das Individuum bleibt hinter seiner Theorie zurück, Pestalozzi soll ja auch seine Kinder geschlagen haben… Wobei Herrn Luhmann diese Entsubjektivierung vermutlich große Freude bereitet hätte.
@ Cromax: Ob Luhmann „für den Menschen geschrieben hat“ weiss ich nicht so genau. Ich erinnere mich an eine Stelle (leider nicht mehr an den Fundort), an der er schrieb, dass die Soziologie eine Lehre vom zweiten Blick sei und nicht alles unter die „Knute der Verständlichkeit“ gezwungen werden dürfe. Um Verständlichkeit für jedermann (wie ich „für die Menschen schreiben“ verstehe) ging es ihm vermutlich nicht (wenngleich ich mich über eine orginal „Luhmanns Zettelkasten“-DVD sicher freuen könnte…). Ob es in seinem Sinne wäre – wer weiss das schon. Und genau über dieser Frage entbrannte der unschöne Rechtsstreit. Fast möchte man sagen: Lasst doch seinen Zettelkasten in Ruhe; ein eigener ist eh viel sinnvoller…
Ob Luhmanns Zettelkasten nun ungehobene Schätze beherbergt, darüber kann man sich hervorragend streiten. Wobei eine genauere Analyse des Zettelkastens da wohl Aufschluss geben könnte, auch wenn ich vermute, dass sich dann eher Enttäuschung breitmachen wird. Ohne die verknüpfende Instanz des ursprünglichen Verwalters kann es gut sein, dass kaum mehr übrig bleibt als unzusammenhängende Verweise und Gedanken – Selbstreferenzen ohne einen Anknüpfungspunkt. Das wird jeder kennen, der schon mal mit den Notizen anderer arbeiten musste.
Passt dieser Beitrag nicht irgendwie auch in die Kategorie „Nerdstuff“?
Schönes Wochenende, gewünscht aus Hamburg, vom a.
In gewisser Weise schon, wenn mit Nerdstuff die intensive Beschäftigung mit und Begeisterung für einen Sachverhalt gemeint ist. Und ich muss sagen, wenn es das Konterfei von Luhmann auf einem T-Shirt geben würde, ich könnte schwach werden ;)
Ebenfalls ein schönes Wochenende aus dem tiefen Süden.
Nicht ganz das Konterfei, aber fast (No. 7):
http://www.shirtway.de/shop/5799/artikel/13382
Oho, das ist schon mal was, aber mir als Fussballverweigerer ist das beinahe schon zuviel an Querverknüpfung mit einem Thema, dass mir so gar nicht liegt. Aber die Idee ist gut, das behalte ich im Hinterkopf. Wenn ich irgendwann meine lange geplante Kollektion mit imaginären Bandshirts entwerfe, dann kommen da auch Soziologen drauf ;)
In dem Zusammenhang ist auch das hier sehr fein.
@ autopoiet: Bleibt das Individuum tatsächlich hinter seiner Theorie zurück? Hier ein paar Auszüge aus Sina Farzins „Inklusion Exklusion. Entwicklungen und Probleme einer systemtheoretischen Unterscheidung“ (2006, transcript Verlag, Bielefeld):
„Inklusion/Exklusion beginnt eine entscheidende rolle zu spielen ab dem Punkt, an dem durch die Umstellung auf einen autopoietischen Systembegriff die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen psychischen und sozialen Systemen neu gefasst werden müssen.“
„Innerhalb der Arbeiten Luhmann kommt der Inklusions-/Exklusionsthematik besonders in den späten Schriften eine zentrale Stellung zu.“
„Die Rede ist von Raum und Menschen, deren Wiedereinzug in das Vokabular der Systemtheorie sich in die dieser späten Phase in Luhmanns Schriften vollzieht.“
Cheers
A.
@Arthur: Ich glaube, das mit dem Individuum bezog sich auf das fehlende Wissen über Luhmann als Person, nicht über das oft vorgeworfene Fehlen einer menschlich-idealistischen Komponente in der Systemtheorie. Das ist problematisch, wenn, im Gegensatz zu etwa der kritischen Theorie, ein Text nicht (oder nur minimal) persönlich gefärbt ist und persönliche Wertvorstellungen ganz außen vor lässt.
Der Punkt mit Inklusion/Exklusion ist da aber sehr treffend: Psychische und biologische Systeme kommen in der Systemtheorie nur als Umwelt der sozialen Systeme vor – umgekehrt natürlich auch. Eine solche Basaldifferenzierung anzugreifen ist imho recht unergiebig, das wäre als ob man der Biologie vorwirft, zwischen Mensch und Tier zu unterscheiden (ohne jetzt die Schwierigkeit oder Berechtigung eines solchen Diskurses in Abrede stellen zu wollen).
Es wäre aber interessant, da zu wissen, ob und in welchem Umfang sich Luhmann, wie er es ja immer getan hat, sich in der psychologischen Materie auskannte. Denn die Gefahr, bei Äußerungen, die in dieses Feld fallen, von Psychologen und Verhaltensforschern in der Luft zerissen zu werden, ist doch recht groß ;) Wobei er glaube ich, mit Spannung die aktuellen Neurowissenschaften verfolgt hätte.
Ich stimme dir hinsichtlich des Neurowissenschaften-Diskurses voll und ganz zu. Das habe ich bei der Lektüre von Soziale Systeme häufig gedacht; der Luhmann hätte bestimmt seine Freude an dieser Debatte. Wobei sie ihm vermutlich zu ideologisch wäre… Aber auch dies bleibt wohl im Dunkel.
Was ICH dagegen den Herrn Luhmann gerne gefragt hätte (wo wir schon dabei sind), wie er den Begriff der Qualia in seine Theorie einbauen würde. Klar: Strukturelle Kopplung, psychische Systeme sind mit den (neuro-)physiologischen Vorgängen und Zuständen des eigenen Organismus gekoppelt. Diese werden selbst nicht wahrgenommen, höchstens halt in sehr speziellen Formen wie Kälte oder Schmerz.
Die Fragen, die sich daher für mich stellen sind diese:
- Woher weiss ich, dass das MEIN Schmerz ist?
- Wäre Luhmann in der Debatte heute ein Art schwacher Epiphänomenalist?
Was den Fußball angeht: LUHMANN, Niklas: Der Fußball, in: ders.: Short Cuts, Frankfurt/Main 2. Aufl. 2001, S. 88-90.
@ mark/autopoiet: ich freue mich über soviel Anschlusskommunikation :)
Alles was ich zu Psychologen und Verhaltensforschern sagen kann ist, dass ich nicht in die Köpfe der Menschen schauen kann. Ich kann noch so viele Skalen, Items und Variablen zusammenstellen und auf ihre innere Konsistenz überprüfen, ins Gehirn gelange ich damit immer noch nicht. Andererseits bin ich da vorsichtig, kann ja sein, dass die etwas wissen, wovon ich nichts weiß und das ist gut so. Jedem das Seine (ich meine das auch wirklich nicht ironisch). Alles was ich weiß, ist, dass ich Kommunikation beobachten kann. Ich bin also sehr viel bescheidener als die Freuds und habe auch gar kein Interesse daran, irgendjemand in der Luft zu zerreißen ;)
Den Begriff der Qualia habe ich heute zum ersten Mal gelesen und dann auch nachgeschlagen. Intuitiv würde ich mal behaupten, dass dein Körper mit dem Schmerz eine Kommunikationsofferte speziell an dich richtet (daher weißt du, dass das dein Schmerz ist), auf die du auch reagieren musst, am besten mit Komplexitätsreduktion (etwa Schmerztablette, ungeachtet der Nebenwirkungen) und Ausdifferenzierung (etwa: vorm Surfen erkundige ich mich, ob da jetzt Haie sind, oder nicht).
Den Begriff Epiphänomen musste ich auch nachschlagen. Wenn ich es richtig verstanden habe, wäre ein schwacher Epiphänomenismus damit beschrieben, wenn „[...] alle Zustände eines Systems als Epiphänomene [...] keine signifikante Wirkung auf das System haben“ (von Wiki geklaut). Auch hier kann ich nur intuitiv antworten, weil ich kein Neurobiologe bin: Ich würde spontan behaupten, Luhmann wäre in der heutigen Debatte kein schwacher Epiphänomenalist, weil jeder Anlass zur Audifferenzierung für das System signifikant ist.
Ich sage das alles mit viel Vorbehalt, weil mein Interesse mehr auf Politik und Organisation liegt. Ich freue mich jedenfalls über Anregungen. Was mir bei dieser neurobiologischen Debatte aber aufgefallen ist, dass die alle dort langsam anzukommen scheinen, wo Luhmann schon vor etwa 30 Jahren war (Black Box, doppelte Kontingenz, Ausdifferenzierung etc.). Die Idealisten unter den Neurobiologen wollen aber wieder die Zauberkugel (etwa Lügendetektoren, die über die Iris ins Gehirn schauen etc.). Wie gesagt, als polit-Soziologe schaue ich da gespannt zu, bin aber sehr, sehr skeptisch ;)
So, ich muss mich jetzt leider wieder mit der Organisationspsychologie quälen, die wollen auch ständig in die Zauberkugel schauen.
Cheers an beide
A.
Kurzer Nachtrag (eure Blogs sind einfach toll, daher muss ich ständig weiterschreiben) – also:
Erkenntnisse über den „Menschen“ Niklas Luhmann: Was würden die der Theorie nützen? Und vor allem: Was würden die wiederum jenen Erkenntnissen nützen, die man anhand der Theorie „produzieren“ kann?
Have a great one!
A.
Epiphänomenalismus:
Mentale Epiphänomene sind kausal nicht wirksam (mit diesem Satz beantworte ich meine Frage schon FAST – aber irgendwie doch nicht…). Denn damit sind sie darauf reduziert, Nebenwirkungen eines autonom operierenden physischen Systems zu sein. Der Epiphänomenalist macht aus dem Bewußtsein quasi eine bloße „Nebenwirkung“ der physischen Zustände (hier: des neuronalen Systems). Dies hieße, dass es nicht der subjektiv erlebte Schmerz (als Quale, Singular von Qualia) ist, der unsere Hand aus dem heissen Wasserstrahl zurückschnellen lässt.
Die autonom agierenden Systeme scheinen mir noch sehr gut mit Maturanas Idee der strukturellen Kopplung zu harmonieren. Das Problem ist vielmehr die Kausalität: Der Epiphänomenalist lässt das neuronale System auf das psychische System/Bewußtsein (Luhmann trennt hier nicht scharf) wirken, die strukturelle Kopplung scheint dies meines Wissens nicht zuzulassen: Keine Determinierung, sondern nur Perturbation/Irritation durch die jeweilige Systemumwelt. Die Irritationen werden dann wieder intern verarbeitet. Neuronale Zustände entsprechen nicht den Gedanken! Hm.
Zusatz A: Qualia = Selbstreferenz? Durch Selbstbeobachtung erfasst sich das System als Einheit in Abgrenzung zur Umwelt.
Zusatz B: Einer der Beteiligten aus dem im Initialbeitrag erwähnten Erbschaftsstreiter, Heiko Luhmann, ist übrigens Hirnphysiologe und prominent im Hirnforschungsdiskurs.
Zusatz C: Wenn Luhmann in eine Kategorie der Debatte zwängen (was ihm sicher Unrecht tut), denke ich demnächst mal über Emergenztheoretiker nach…
[...] kurzen Hinweis auf eine Kommentarseite in Marks Blog, die ausgehend vom hier zitierten Spiegelartikel zum Luhmann’schen Zettelkasten [...]
Ich bin gespannt auf den Emergenztheoretiker ;)
Schön, was über Epiphänomenalismus gelernt zu haben. Und ich fand es toll, wie du dir die Frage beantwortet hast, weil, da kann ich mitgehen (keine direkte Kausalität zwischen Neuronen und Bewusstsein, das bedeutet: wir sind endlich wieder beim Konstruktivismus).
Meine Vermutung: Die Frage, wie denn nun der Körper am Bewusstsein beteiligt sei, ist in der Systemtheorie nicht wirklich die zwingendste. Vielmehr, wenn wir schon über „Menschen“ reden müssen (Scherz): Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt? (siehe Soziologische Aufklärung 6).
Danke für den Hinweis zu Heiko Luhmann.
Cheers
A.
Nachtrag (ich muss aber jetzt echt mal langsam aufhören); Heiko scheint auf den Spuren seines Vaters zu sein:
„Die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen, dass die Wahrnehmung von „Wirklichkeit“ ein streng subjektiver Prozess ist, der zudem von internen neuronalen Verarbeitungsprozessen abhängig ist. Im Vortrag wird anhand von Bildern und Filmsequenzen gezeigt, dass die „neuronalen Pforten“ der Wahrnehmung unterschiedlich weit geöffnet sein können und nur eine eingeschränkte Wahrnehmung von „Wirklichkeit“ zulassen. Dieser Prozess soll in seinen neuronalen Grundlagen dargestellt werden“ (http://www.studgen.uni-mainz.de/1050.php).
Guten Morgen erstmal, mal sehen zu welcher intellektuellen Leistung meine Neuronen zu dieser frühen Stunde fähig sind ;)
@autopoiet: Zur Frage, woher das Bewusstsein weiß, dass es das eigene Empfinden ist, würde ich darauf verweisen, dass das psychische System eines Individuums wahrscheinlich sehr gut differenzieren kann, von welchem Teil der Umwelt eine Irritation stammt. Ist es der eigene Körper, so dürften die Irritationen um einiges stärker in ihrer Intensität ausfallen, während es bei anderen Körpern nur bei einer mehr oder weniger leichten ‘Schatten’-Reaktion bleibt, was wiederum von den eigenen Empathiefähigkeiten abhängt. So ist der subjektive Erlebnisgehalt ein anderer, wenn man nicht selbst, sondern ein anderer den Fußball in die Leisten kriegt – etwas krummer Vergleich, aber trotzdem.
Das Epiphänomen musste ich auch erst nachschlagen, und bin – soweit ich das verstehe, meinst Du, dass das Bewusstsein zwar biologisch verursacht ist, aber auf das biologische System wenn, dann nur eine schwache Wirkung hat? – da zwiegespalten. Eher würde ich denken, dass beide Systeme in einer Form voneinander abhängig sind, die ein Primat des Körperlichen oder des Psychologischen nicht zulässt. Das eine nicht ohne das mit ihm verschränkte andere kann. Die Anspielung auf meine Neuronen in meinem ersten Satz trifft es glaube ich ganz gut: ohne Körper kein Bewusstsein, ohne Bewusstsein kein Körper – oder zumindest keine Körpererfahrung. Von daher würde ich Arthur zustimmen. Nein, Luhmann wäre kein Epiphänomenalist.
Wobei es durchaus sein könnte, dass er anhand der neurobiologischen Debatte, in der eine Position die biologische Basis alles psychischen unterstreicht, eine schwache Tendenz zu einer solchen Position haben könnte ;)
Und Gedanken entsprechen nicht den neuronalen Zuständen? Da wären wir wieder bei der Frage der Neurowissenschaften und wie das alles zusammenhängt. Ob es, wie Arthur erwähnt, möglich ist, in die Zauberkugel zu sehen und dies nachvollziehbar zu machen oder ob die unzähligen Feedback- und Beeinflussungsmechanismen unseres Körpers und unserer Psyche nicht doch in getrennten Systemen zu verorten sind. Bei ersterem Fall müsste natürlich die Körper/Bewusstsein-Differenz neu gedacht, wenn nicht sogar verworfen werden. Aber irgendwie ist mir das um diese Uhrzeit zu viel ;)
Auf die Differenz kann nicht verzichtet werden, oder?
Eine kleine Anekdote: Andrew Newberg hat mit bildgebenden Verfahren versucht, religiöse Menschen neurobiologisch zu untersuchen. Sprich: Er hat meditierenden buddhistischen Mönchen und Rosenkränze bindenden katholischen Nonnen kurz vorm Erreichen des trance-artigen Zustandes eine radioaktive Flüssigkeit injiziert und die Testpersonen danach via PET (Positronen-Emissions-Tomographie) durchleuchtet.
Das Ergebnis: Die Aktivität in den Parietallappen (sonst rege aktiv und für unsere räumliche Orientierung verantwortlich) nahm signifikant ab, eine gesteigerte Aktivität ließ sich dagegen in Teilen des Vorderhirns beobachten. Bei Buddhisten und Katholiken gleichermaßen.
Now what? So weit, so gut. Die Interpretationen (oder besser: die Anschlusskonstruktionen?) des Befundes gingen weit auseinander. Der Orden der Nonnen war hellauf begeistert, hatte Newman doch offensichtlich jenen Ort im menschlichen Gehirn lokalisiert, den Gott zur Kommunikation mit den Menschen nutzte. Sie fanden ihren Glauben also bestätigt.
Atheisten dagegen jubelten über den Beweis, dass sich alles religiöse Erleben auf bloße Hirnaktivität reduzieren lässt.
„Jeder Gedanke, den wir denken, und jedes Gefühl, das wir empfinden ist zwar gekoppelt mit Gehirnaktivität. Dennoch können Hirnforscher und Genetiker Gott weder beweisen noch widerlegen. Gott bleibt etwas Ungreifbares, das sich bislang nicht auf den Bildschirmen der Forscher materialisieren lässt.“ (Link)
Dies trifft am Ende Heinz von Foersters Ausführungen zu Aussagen über nicht entscheidbare Fragen: Die Antwort sagt mehr über den Antwortenden aus, als über den Sachverhalt. Auf absehbare Zeit wird es keine Zauberkugel geben, alles ist wie immer viel zu komplex.
Aber es wird Forschungen und Ergebnisse geben, die interpretiert werden. Und zur Bewertung der Ergebnisse (und zur Bewertung der Bewertung Anderer…) möchte ich auf konstruktivistisches und/oder systemtheoretisches Werkzeug nicht verzichten müssen. Also auch nicht auf die Differenz.
post scriptum @ mark: Die „Schattenreaktionen“ bzw. die Empathiefähigkeit – Spiegelneuronen! Ich muss einen Freund von mir über diese Diskussion informieren.
Etwas weit aus dem Fenster gelehnt: Die Differenz ist solange notwendig, wie die empirische Nachweisbarkeit eines Zusammenhangs von Hirnaktivität und subjektivem Empfinden blinde Flecken hat. Bereiche, in denen das Bewusstsein und der Körper – jeweils refererierend auf gegenseitige Signale und Irritationen – ein Bild der Umwelt vor dem Horizont des eigenen Operierens bilden. Das ist auch der Kern der Sache: dies kann nie ohne direkten Zugriff auf die Umwelt geschehen, muss sich aber, natürlich mit einem gewissen Spielraum, immer an den Bedingungen und Faktoren der Umwelt orientieren. Das dies wiederum nur vor dem eigenen Systemhorizont stattfinden kann ist klar, so gesehen gibt es keinen Ausweg aus der konstruktivistischen Falle.
Da springen die sozialen Systeme in die Bresche, die im ständigen Prozess des Reproduzierens von Welt zwar keinen objektiven Konsens schaffen, aber immerhin mehr oder weniger anschlussfähige Kommunikationen bieten. In diesem Fall ist die individuelle Kopplung – und Differenz – von Körper und Bewusstsein eine black box. Für das Operieren sozialer Systeme ist die Differenz somit nicht von Belang. Dem Spendensammler in der Fußgängerzone ist es erstmal egal, ob ich aus christlich-religiösen oder sozialistisch-politischen Gründen 5 Euro in seine Büchse werfe. Genauso ist ein Gottesbeweis außerhalb des Horizonts einer Körper-Bewusstsein-Einheit* und deren Operieren in einem größeren System Religion irrelevant. Jedes System erschafft seine eigene Realität, nur gibt es, da kommt der empirische Soziologe in mir durch, eben auch die physikalische Umwelt, deren Erforschung in naturwissenschaftlicher Form immer kontingenzreduzierend vor sich geht. Diese nimmt – um am Beispiel der Neurowissenschaften zu bleiben – eben keine Differenz von Körper und Geist im metaphysischen Sinne vor, wie es beispielsweise die Kirche mit ihrer Differenz von Körper und Seele tut, sondern versucht, nur das zu entschlüsseln, was sie wahrnehmen kann: die black box.
So gesehen wird die Differenz Körper/Bewusstsein natürlich nicht verworfen, nur unter dem jeweiligen Systemhorizont umgedeutet. Und wenn wir dem Menschen die Motivation unterstellen, ein immer schärferes Bild seiner Umwelt erlangen zu wollen, dann macht es keinen Sinn, dies in Sackgassen zu suchen, deren Anwendbarkeit außerhalb eines begrenzten Horizonts schwer zu rechtfertigen ist. Abgesehen davon finde ich es bemerkenswert, dass ein katholischer Gott offenbar auch zu Buddhisten spricht ;)
* Diese Bezeichnung ist für alle, die der Systemtheorie immer noch ein mechanisch-funktionales Menschenbild vorwerfen, wahrscheinlich ein gefundenes Fressen ;)
@Arthur: Zur Frage, was Erkenntnisse über den Menschen Luhmann seiner Theorie nützen könnten, kann ich erstmal nur persönliches Interesse anbringen. Was vielleicht daran liegen mag, das es – anders als bei vielen anderen – schwer ist, ein politisches oder soziales Statement von ihm zu finden, das eine Einordnung der Systemtheorie in irgendein Weltbild erlaubt. Da wären wird wieder bei der eingeschränkten Wahrnehmung der Wirklichkeit ;)
Vielleicht ist es aber auch das alte Punkerding: Man will nix von Leuten wissen, deren Welt- und Lebensentwurf man total ablehnt, auch wenn sie gute Musik machen ;)
Differenz, Bewußtsein, Einheit. Vier (mehr schlechte als rechte) Versuche.
Erster Versuch. Die Differenz baut aber eigene Komplexität auf. System und Umwelt berühren sich nicht. „Ich“ grenze zunehmend Phänomene in meiner Umwelt von „mir“ oder auch „meinem Bewußtsein“ ab. Es wird so eine Referenz herausgebildet: Mein Bewußtsein erscheint mir als eine Einheit, benötigt dafür aber einen Beobachter. Bewußtsein entsteht als Selbstrefrenz.
Zweiter Versuch. Oder anders: Mit der Unterscheidung von „innen“ und „aussen“ wird das systemeigene Operieren (selbst-)beobachtet. Hier sind wir wieder latent paradox unterwegs: Auf Basis des Codes bewußt/unbewußt kann die Differenz selbst nicht bewußt oder unbewußt werden (analog kann bei der Paradoxie des Epimenides nur auf Basis des Codes wahr/unwahr auch nicht unterschieden werden, ob die Unterscheidung selbst wahr oder unwahr ist!). Luhmann unterscheidet an dieser Stelle Selbst- und Fremdreferenz. In beiden Fällen: Der berühmte blinde Fleck.
Dritter Versuch. So wird die „konstruktivistische Falle“ zum Gewinn: Durch das kontinuierliche Unterscheiden schärft auch die Negation (also das Nicht-Bewußtsein oder die Fremdreferenz) das psychische System. Auch wenn man nicht wissen kann, was das Bewußtsein ist, man kann wissen was es nicht ist (in Anlehnung an von Glaserfelds Schlüssel/Schloss-Prinzip). Die Welt ist in doppelter Hinsicht Ergebnis interner Prozesse.
Letzter Versuch. Was bleibt: Beim Erfassen des „Selbst“, bei der Selbst-Reflexion, beobachtet sich das psychische System als Einheit. Aber immer auf Basis der Differenz. Ich weiss nicht, ob mit diesen spärlichen Absätzen klar geworden ist, warum ich die Differenz für unabdingbar halte. Oder ob sie überhaupt angezweifelt wurde.
Die Anekdote mit den Mönchen und Nonnen krame ich übrigens auch immer dann gerne heraus, wenn ein wild gewordener Neurowissenschaftler mal wieder das Ende der Philosophie proklamiert…
Ähh Mark… Da es hier keine Editierfunktion gibt: Magst du den Hyperlink zu Epimenides reparieren? Da ist irgendwas schief gelaufen… Danke!
@ mark: du schreibst: „Für das Operieren sozialer Systeme ist die Differenz somit nicht von Belang.“
Einspruch Euer Ehren ;)
Differenz ist alles in der Systemtheorie, sie entsteht durch das Operieren; Operieren bedeutet Erzeugung von Differenz zur Umwelt.
Jetzt haben wir den Unterschied, der den Unterschied macht. Umwelt wird dann einfach alles andere. Und die ist größer, verwirrender und komplexer. Wir haben jetzt Selbstreferenz/Fremdreferenz.
Damit können die Systeme ihrer ureigensten Aufgabe nachgehen, sie können anhand der Differenz beobachten, also Unterscheidungen treffen und bezeichnen.
Mit dieser Differenz beobachtet das System (etwa zahlung/nichtzahlung), konstituiert sich somit seine eigene Umwelt (operativ-konstruktivistisch) und kopiert diese Unterscheidung, im Moment des Beobachtens, wieder in das System hinein (re- entry).
@ beide: der blinde Fleck entsteht (er ist immer mit der Unfangsunterscheidung gegeben), weil soziale Systeme nicht sehen können, was sie nicht sehen. Systeme sind zu einer Entweder/Oder- Logik gezwungen, obwohl, zumindest systemtheoretisch, nachgewiesen ist, dass die Welt „sowohl-als-auch“ ist. Exklusion (Austritt aus der SPD) ist gleich Inklusion (die Austreter werden für die SPD systemrelevant und wieder zurückgeholt, oder die Linkspartei inkludiert sie). Nur anhand von Unterscheidungen können Systeme operieren (die Operationen laufen dann wieder blind) und nur anhand erneuter Unterscheidungen werden die Operationen anschlussfähig. Der blinde Fleck läuft seit der Anfangsunterscheidung mit. Das Wechseln von einer auf die andere Seite wird als „crossing“ (Spencer-Brown) bezeichnet, man hat Variation, aber immer noch den gleichen blinden Fleck. Er ist das Ergebnis einer notwendigen Paradoxieverschleierung/Paradoxieetnfaltung; im Wissenschaftsystem machen das die Theorien in einer asymmetrischen (Öffnen des Systems) und Methoden in einer symmetrischen (Schließen des Systems und somit Letztzuteilung zum Code wahr/unwahr) Form von Konditionierung (unerlässliche Bedingung für Selbstorganisation). Soll es nicht zu einem systemischen Kurzschluss kommen, muss entschieden werden, beim Wissenschaftssystem entweder auf die Seite wahr oder auf die Seite unwahr. Unwahrheit bleibt immer im Wissenschaftssystem, weil sie die Wahrheit anschlussfähig macht.
@ beide: black box gibt es nicht nur etwas oder latent, black box ist immer, immer, immer Ego, Umwelt, egal, an was oder wen die Irritation adressiert ist. Luhmann zitiert Foerster: „Die umwelt enthält keine Information. Die Umwelt ist wie sie ist“ (WissDerGes, S. 306). Unter dem Stichwort „doppelte Kontingenz“ kann man sehr gut nachempfinden, was in der Systemtheorie unter black box gemeint ist.
@ mark: die Punkrockanalogie gefällt mir sehr gut. Aber, ich finde, es ist Luhmanns größte Errungenschaft, dass er hinter der Theorie zurückgeblieben ist. Wir wollen ja Wissen schaffen und keine Ideologien verbreiten. Marx hat im Kapital auf die utopischen Sozialisten gepfiffen und kein gutes Haar an Ferdinand Lassalle gelassen, dafür hat er immer auf Ricardo und Smith zurückgegriffen. Es geht um Kritik, um schonungslose, wissenschaftliche Skepsis (links, rechts, grün, blau, alles kommt unter die Lupe). Das tut erst etwas weh, dann tut’s richtig gut ;)
Cheers ihr beide, macht alles Spaß mit euch :)
A.
Mininachtrag
@ mark: ich weiß aber was du meinst. ich selbst war ziemlich traurig, als sich harley flanagan nach dem 11. sept. in bezug auf moslems als rassist outete.
@autopoiet & Arthur: Vielleicht war das von mir missverständlich ausgedrückt, aber ich wollte keineswegs die Differenz anzweifeln oder ihre Bedeutung schmälern. Ich glaube wir verrennen uns gerade in unterschiedlich verwendeten Differenzbegriffen. Während Ihr den Unterscheidungsvorgang im klassischen systemtheoretischen Operieren meint, zielte ich eher auf den Unterschied zwischen Körper und Bewusstsein, den „ich“ bei „anderen“, die ich als Teil meiner physikalischen Umwelt wahrnehme, nicht beobachten, sondern nur als Zuschreibung vornehmen kann, weil ich es bei mir selber so wahrnehme. In die Köpfe kann ich nun mal nicht reingucken.
Wenn nun aber die Neurowissenschaften das auch nicht machen, sondern nur die biologischen Prozesse beobachten können, ist es dann nicht so, dass man die Frage nach dem Verhältnis von Körper und Bewusstsein stellen muss? Denn jede Irritation, die von der physikalischen Umwelt – darunter ordne ich mal kurzerhand alle Merkmale ein, die wir an einem physikalisch-biologischen Untersuchungsobjekt beobachten können – ausgeht, muss zuerst durch die Filter unseres biologischen Systems, bevor unser Bewusstsein auch nur in irgendeiner Form daran anschließen kann. Ich weiß nicht, ob der Begriff Kopplungskette da passt, der ist bestimmt schon in einem anderen Zusammenhang verbraten ;)
Dazu muss ich sagen, dass ich relativ wenig darüber weiß, was Luhmann über die Beziehung der sozialen und psychischen Systeme zur physikalischen Umwelt, von der unsere Körper ebenfalls ein Teil sind, geschrieben hat. Trotzdem, wenn die Neurowissenschaften das Verhältnis von Bewusstsein und Hirn und Hirn und Körper erforschen, so kann das doch sehr vielversprechend sein.
Und das Ende der Philosophie? Pfft, sollte man rauskommen, dass wir keinen freien Willen haben, dann möchte ich sehen, wie man dann Gerechtigkeit ohne Philosophen definiert. Das ist ja jetzt schon kaum möglich.
@Arthur: Mit der Differenz, die für das Operieren sozialer Systeme nicht von Belang ist, meinte ich die spezifische Bewusstsein/Körper-Differenz, nicht das Konzept der Differenz in der Systemtheorie. Und das die Neutralität die größte Leistung der Systemtheorie ist, würde ich sofort unterschreiben, wenn nur Neutralität immer verdächtig wäre. Und wer hat die erfunden? Die Schweizer ;) Um den Abend mal mit einem Kalauer zu schließen…
@Arthur: Der Harley, oh ja. Der hat auch letztens in einem Interview im Ox eine ganz komische Einstellung Schwulen gegenüber an den Tag gelegt. Die seien zwar OK, aber sein Sohn würde nie schwul werden, da sei er sich sicher, so in dem Ton.
Bah, da tröstet mich nur, dass ich die Cro-Mags nie so knorke fand.
Um dem Ganzen noch eine andere Richtung zu gehen, hier Auszüge aus einem Cro-Mags Interview von 1987. Zuerst Harley über Krieg, Tiere und ungeborene Kinder:
Dann über Homosexuelle:
Ein Depp, der Harley. Auch wenn das letzte Zitat in seiner verneinenden Bestätigung durchaus lustig ist. Aber was soll man auch anderes machen als lachen…
@ beide: dass wir hier im diskurs aneinander vorbeireden ist doch wunderbar, weil, soviel haben wir von mr. luhmann gelernt, der kommunikation ist das egal, hauptsache, sie kann laufen, laufen und laufen ;)
@ mark: age of quarrel würde ich immer noch hoch halten (da bin ich der depp). die zitate tun jedenfalls „autsch“.
So, ich bin für einige Tage weg und ohne PC. Angenehmer Gedanke.
Schöne Tage euch beiden
A.