Die europäische Perspektive

2009 Januar 6

Der Krieg da unten ist kein Krieg, der ist nur Deko, frei nach Rainald Gebe gesagt. Mit ziemlich überzeugenden Kulissen, da haben sich die Ausstatter nichts geschenkt, ebenso wenig die Castingleute, die eine schier unüberschaubare Anzahl kleinerer und größerer Statisten, Haupt- und Nebenrollen gefunden haben. Nicht zu vergessen die Produktion, die einen fast noch nie dagewesenen Material- und Menschenaufwand zur Verfügung hat und diesen effektvoll zu nutzen weiß. Ein größeres Stück wurde selten auf die hiesigen Bühnen gebracht. Und klar, die Kritiker echauffieren sich rechts und links, manche finden die Inszenierung unangemessen, manche die schauspielerischen Leistungen wenig überzeugend. Bis ins kleinste werden die Feinheiten weiter debattiert – natürlich nur insofern die Meinung nicht schon feststeht – das Glas Rotwein in der einen Hand, die andere in nachdenklich-tiefschürfender Geste am Kinn. Hitziger wird es ab und zu auch, aber das gehört in diesen Zeiten einfach dazu. Doch trotz den vernichtenden oder lobpreisenden Feuilletonartikeln: das Publikum scheint fasziniert. Überlegungen, aus dem ganzen noch ein Musical zu machen, inklusive einem eigens dafür errichteten Prunkbau irgendwo in den Brachen des Ruhrpotts, sind schon zu vernehmen.

Komisch nur, dass die da unten nach gefallenem Vorhang und stehenden Ovationen nicht friedlich in der Garderobe zusammensitzen und ein Gläschen zu sich nehmen, bevor es heim zu Frau und Kindern oder wahlweise auch zu der süßen Produktionsassistentin geht.

Immerhin, die nehmen ihren Job ernst.

Wir auch.

Wir sind gut darin, andere Menschen nur als Bilder anderer Menschen zu begreifen.

  1. 2009 Januar 6

    … ganz zu schweigen von den Hauptdarstellern, die in diesem Fall zu oft nicht mehr als Bilder von Menschen spielen, die um Inszenierungsmacht konkurrieren

  2. 2009 Januar 6

    … aber die Frage bleibt natürlich, was „man“ aus der Distanz beitragen, wie man eingreifen oder deeskalieren kann. Ich bin da nach wie vor überfordert

  3. 2009 Januar 8

    Das erste, was man aus der Distanz beitragen kann – Nein, beitragen muss! – ist die Weigerung, Argumente zuzulassen, die aus einer gut/böse-Dichotomie heraus gebracht werden. Ein Grund, weswegen mir die ach so reflektierte antideutsche Linke ebenso übel aufstößt wie die schlimmsten Gruppierungen in der CSU. Das könnte aber das grundlegende Problem sein: Es geht immer um Seiten, um Stellung beziehen (wie passend) und damit einhergehend um die zwangsläufige Entmenschlichung des Gegenübers. Da ist Dein Vorschlag, das Anliegen beider Seiten radikal zu verfolgen, lobenswert. Auch wenn die Frage, wie und mit welchen Mitteln das geschehen kann, dann immer noch nicht beantwortet ist.

    Kommt man aber gar nicht so weit, dann kommt man auch gar nicht erst dazu, diese Frage beantworten zu wollen.

    Das ist jetzt natürlich auch wieder nur eine Perspektive, die den Nahostkonflikt im Kontext der eigenen Diskurse thematisiert, und damit bin ich auch schon in das Loch getappt, das ich oben gegraben habe ;) Aber ich habe immer noch die Hoffnung, dass dann eine Lösung in greifbarere Nähe rückt.

  4. 2009 Januar 11

    Das Dilemma ist doch gerade das der fehlenden Greifbarkeit: Mein Arm reicht nicht bis nach Gaza. Ich kann die Schwierigkeit meiner Stellungnahme ansprechen, die Unmöglichkeit einer qualifizierten Einsicht betonen, Diskurse kritisieren, „sogar“ meine Meinung wie hier und bei mir halböffentlich kundtun. Aber meine bewusste und gewollte Auseinandersetzung mit dem dortigen Geschehen bewegt nichts. Alles reine Disku(r)ssion. (Verstehste annähernd, in welche Richtung ich das meine?)

  5. 2009 Januar 13

    Ich weiß wie Du das meinst und kann die Frustration deswegen nachvollziehen. Aber das gilt für alles auf der Welt, was in unseren Augen falsch läuft. Und Diskussion ist da ein Abstecken unserer (meistens sehr begrenzten) Möglichkeiten, da etwas zu bewirken. Was natürlich damit zu tun hat, dass wir im Endeffekt sehr wenig Macht haben, überhaupt etwas wirkendes zu tun. Und im Macht zu haben wahrscheinlich soviel tun müssten, was unseren Überzeugungen entgegenläuft, das wir es erst gar nicht versuchen. Wobei das keine Entschuldigung ist, nichts zu tun.

    Das Dilemma teilen wir wenigstens mit anderen Leuten.

  6. 2009 Januar 14

    Wir müssten soviel tun [...], was unseren Überzeugungen entgegenläuft, das wir es erst gar nicht versuchen. Wobei das keine Entschuldigung ist, nichts zu tun.

    Es gibt leider immer wieder kleine und große Denker, die das behaupten …

  7. 2009 Januar 14

    Kleine und große Denker essen auch mit Messer und Gabel, Stäbchen, Löffeln oder Händen. Aber ich hab noch keinen getroffen, der nichts isst.

    Kann man überhaupt nichts tun?

  8. 2009 Januar 14

    Ich hab’ die Frage mal weitergegeben

Trackbacks & Pingbacks

  1. Heute kommt der Eismann, morgen der Henker « m.arschflugkoerper

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