Wenn ich über ein Banner stolpere, auf dem in roten Lettern die Flucht durch ein Minenfeld und das Überleben in einem Flüchtlingslager zum Selbsterleben angeboten wird, dann halte ich das entweder für gelungene Satire oder auch, je nach präsenter Laune, für ein Resultat eines miesen Sinns für Humor. Aber natürlich ist es das alles nicht, sondern ein ernst gemeinter Versuch, den Teilnehmern des Weltwirtschaftsforums das Leben eines Flüchtlings näher zu bringen.
Das nennt sich dann Refugee Run.
Mal leichtfertig angenommen, dass ein einstündiges simuliertes Rollenspiel, bei dem psychische und körperliche Unversehrtheit immer gewährleistet bleibt – ich denke, das Flüchtlingskommissariat der UN würde dem CEO von Nike kaum die Schienbeine zertrümmern – überhaupt so etwas wie Mitgefühl oder einen Wechsel der Perspektive und vielleicht sogar des Verhaltens bewirken könnte. Wäre es dann eine Bestätigung dieser Annahme, wenn Richard Branson, wahrscheinlich zwischen schneller Morgentoilette und dem nächstem Stratosphärenflug, das ganze mit einem Beautifully done! kommentiert? Oder doch eher ein Indiz für das Gegenteil?


Du machst mich immer wieder sprachlos. Natürlich: nicht Du – aber Deine „Hinweise“ (mir fällt kein passender Begriff ein: ‘Aufschrei’ klingt zu moralisierend; ‘Geschichten’ zu verharmlosend). Stellt sich in diesem Fall natürlich die Frage: Ist das ein Tabubruch? Zumindest jetzt, unter dem unmittelbaren Eindruck der begeisterten ‘Berichte’, mit der Bloomberg-Moderation im Kopf, zögere ich nicht, dem Ganzen Projekt eine gewisse Perversität zu unterstellen. Aber vielleicht muss ich das auch einfach mal sacken lassen …
Nicht die globale Elite ist pervers, sondern die Situation, in der sie lebt, fiel mir als erstes dazu ein. Was den Tabubruch angeht, da müsste es vorher ein Tabu gegeben haben, das man hätte brechen können. Aber seit Frontex und Lampedusa (die Zustände dort sind schon seit etlichen Jahren bekannt) ist das glaube ich sehr schwierig geworden, vor allem weil sich bei dem Refugee Run auf ganz komische Weise eine Relativierung menschlichen Leids mit Bob Geldof-Betroffenheit und erlebnisorientierter Semantik [pdf via] paart.
Nun gibt es diese Simulation schon länger, immer auch mit dem Hinweis auf Authentizität, da auch ‘echte’ Flüchtlinge an deren Entwurf mitgearbeitet hätten. Und das Argument, dass man irgendwie Leute zum Umdenken bzw. am besten zu einer Umorientierung ihres Handelns bewegen müsse, ist durchaus stark. Aber trotzdem, und da kommt die Situation wieder ins Spiel, wirkt das in manchen Kontexten nur noch grotesk.
Oder auch schlimmeres.