Veröffentlicht in Mai 2009

Behaart aber fair

Ein paar Meter die Straße hoch steht ein Werbeplakat, auf dem ein hiesiges Institut für Haarentfernung [sic!] mit der Aussage wirbt, dass neunzig Prozent der Leser eines Männermagazins der Meinung seien, sie hätten mit haarloser Brust bessere Chancen bei den Frauen. Als ich davor stehe und darüber nachdenke, ob damit die Männer gemeint sind, die gerne das Hemd bis zum Brustbein aufgeknöpft lassen, und wie sich das mit meinen Beobachtungen, dass solche Männer meistens einen Pelz zur Schau tragen, der selbst Grizzly Adams erblassen lassen würde, vereinbaren lässt, fragt mich ein älterer Herr, offenbar von meiner konzentrierten Betrachtung des Plakates angeregt, ob ich denn was merken würde. Auf meinen fragenden Blick antwortet er dann, mit einer Gewissheit, die sich nur bei passender Kombination von Lebenserfahrung und Altersstarrsinn erreichen lässt: „Neunzig Prozent der Leser eines Männermagazins!“

Und ich denke mir, wo er Recht hat, hat er Recht.

Allerdings gibt mir immer noch die Frage zu denken, ob das nun Werbung ist, die haargenau [sic!] zur Zielgruppe passt, oder ob nicht doch eher solche und andere Konstruktionen von Männlichkeit – und Weiblichkeit ebenso, wohlgemerkt – ein Ding der Vergangenheit sein müssten. Letzteres wäre mir lieber, ist wahrscheinlich aber zu optimistisch gedacht.

Den älteren Herrn übrigens, den mit der passenden Kombination aus Lebenserfahrung und Altersstarrsinn, der hat mich gar nichts gefragt und der hat mich auch nicht auf die neunzig Prozent der Leser eines Männermagazins hingewiesen, den hab ich mir nur ausgedacht.

Was wiederum gut zur Konstruktion von Männlichkeit passt.

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Shhh!

Gerade eben, im Rahmen einer doch recht formalen Situation, wurde ich versehentlich geduzt, ohne dass es demjenigen aufgefallen wäre. Erstaunlich, wieviel potentielle Intimität – nicht die sexuelle Variante, sondern die einer kommunikativen Nähe – so ein kleiner Moment erzeugen kann, um sofort darauf wieder zu verblassen, auf das er nie wieder gesehen ward.

Soviel als kurzes Lebenszeichen, das Leben und seine Verwandtschaft sind die Sachen, die mich momentan umtreiben. Und gerade in turbulenten Zeiten ist es angebracht, mal den Mund zu halten, weil sonst alles schlimmer wird.

Jetzt muss nur noch der Rest mitmachen.

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Wirklichkeit mag ein zerbrechliches Konstrukt sein, hier ist sie noch felsenfest

Anschließend an die letzte teilnehmende Beobachtung kann ich heute folgendes anmerken: Die Menschen werden auch mit zunehmenden Alter nicht klüger. Und einen besseren Sinn für Humor scheinen sie auch nicht zu entwickeln, zumindest wenn ich das nach der Alphakrawatte einschätze, die gestern vor mir in der Schlange beim Bäcker stand. Die flüsterte angesichts eines butterbrezenfordernden Vordränglers mit größerer Krawatte den anwesenden Kollegen zu, dass das offenbar ein Vorbote der sich abzeichnenden sozialen Unruhen, von denen gerade überall die Rede sei, sein müsste. Gelächter folgte.

Trotz gelungener Pointe, für mich ist das wirklich Schlimme an dieser Art Humor, gepaart mit dem entsprechenden Habitus, nicht die Ignoranz, nicht der Zynismus, und auch nicht die wissende Bestätigung der eigenen gesicherten Position. Sondern der banale Umstand, dass an diesem Ort und unter diesen Leuten soziale Unruhen sich immer darauf beschränken werden, dass sich ein Stärkerer – oder wahlweise auch der Pöbel, Flexibilität ist in diesem Zusammenhang eine nicht zu verachtende Tugend – sich beim Bäcker in die Schlange mogelt.

Diese potentiellen FDP-Wähler sollten mehr Dahrendorf lesen, denke ich.

Und ich sollte mich von Büroturmsiedlungen fernhalten.

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