Ein paar Meter die Straße hoch steht ein Werbeplakat, auf dem ein hiesiges Institut für Haarentfernung [sic!] mit der Aussage wirbt, dass neunzig Prozent der Leser eines Männermagazins der Meinung seien, sie hätten mit haarloser Brust bessere Chancen bei den Frauen. Als ich davor stehe und darüber nachdenke, ob damit die Männer gemeint sind, die gerne das Hemd bis zum Brustbein aufgeknöpft lassen, und wie sich das mit meinen Beobachtungen, dass solche Männer meistens einen Pelz zur Schau tragen, der selbst Grizzly Adams erblassen lassen würde, vereinbaren lässt, fragt mich ein älterer Herr, offenbar von meiner konzentrierten Betrachtung des Plakates angeregt, ob ich denn was merken würde. Auf meinen fragenden Blick antwortet er dann, mit einer Gewissheit, die sich nur bei passender Kombination von Lebenserfahrung und Altersstarrsinn erreichen lässt: “Neunzig Prozent der Leser eines Männermagazins!”
Und ich denke mir, wo er Recht hat, hat er Recht.
Allerdings gibt mir immer noch die Frage zu denken, ob das nun Werbung ist, die haargenau [sic!] zur Zielgruppe passt, oder ob nicht doch eher solche und andere Konstruktionen von Männlichkeit – und Weiblichkeit ebenso, wohlgemerkt – ein Ding der Vergangenheit sein müssten. Letzteres wäre mir lieber, ist wahrscheinlich aber zu optimistisch gedacht.
Den älteren Herrn übrigens, den mit der passenden Kombination aus Lebenserfahrung und Altersstarrsinn, der hat mich gar nichts gefragt und der hat mich auch nicht auf die neunzig Prozent der Leser eines Männermagazins hingewiesen, den hab ich mir nur ausgedacht.
Was wiederum gut zur Konstruktion von Männlichkeit passt.
Immerhin… “Neunzig Prozent der Leser eines Männermagazins!” ist konstruktivistischer als “Echte Männer tragen Glatze!”. Vielleicht trägt die Medialisierung der Gesellschaft dazu bei, dass uns die Geschwindigkeit der Trendwenden (und deren Anzahl) bewusster wird, als das in der Vergangenheit der Fall sein konnte. Spätestens dann wird der Konstruktivismus selber zum Kult, aber naja, bis dieser Trend nicht nur Akademiker erfasst (da nervt es mich eigentlich schon), sondern in einer breiten Masse ankommt wird es wohl noch etwas dauern. Wer weiß, vielleicht ist der Konstruktivismus auch der Knigge der Gegenwart.
P.S.: Für die Statistik: Ich mag Brusthaare – und keine Brusthaare auch.
Es wäre schon, wenn, wie Du treffend sagst, die Medialisierung der Gesellschaft eben auch das Konstruierte von Trends, Idealen und Ideologien offenbarer machen würde. Vielleicht ebnet das aber auch nur den Weg für postmodern-ironische Beliebigkeit.
Wobei Beliebigkeit beim Thema der Körperbehaarung nicht schlecht wäre. Denn mal ehrlich, es gibt kaum unwichtigere Sachen, als die Haare anderer Menschen – egal an welcher Stelle – als Maßstab für das eigene ästhetische Empfinden zu nehmen ;)
Naja, über den – sagen wir – “Haar-Diskurs” werden Vorstellungen von Attraktivität und Ästhetik transportiert, die sind funktionalistische betrachtet immer ziemlich beliebig und nichtsdestotrotz sehr resistent gegen ihre Dekonstruktion, vermutlich, weil schön-hässlich so unmittelbar an tiefgehende Gefühle angebunden sind. Aber klar, funktionalistisch gesehen vollkommen irrelevant.
postmodern-ironische Beliebigkeit klingt für mich ehrlich gesagt etwas negativ. Ich würde es eher als entklärt, bewusstseins- und identitätsorientiert nennen. Aber ich denke, wir meinen das Gleiche.
Habe aus weiblichem Munde bereits gegenteiliges vernommen.
Was genau? Dass Attraktivität und Ästhetik nicht konstruiert sind? Und was sagt das “weibliche” jetzt eigentlich aus?
@PropheT: Haare oder keine Haare? Das Dumme dabei ist nur, dass ich garantiert auch schon aus weiblichem Munde – oder auch männlichem, so schade es auch ist, dass immer dazusagen zu müssen – das Gegenteil gehört habe. Ankedotische Beweise sind eben ein gefährliches Pflaster.
@Lara: Wir meinen das Gleiche, ja. Ich als bekennender Pessimist zielte eher darauf ab, dass in einem solchen Zusammenhang es eben auch sein könnte, dass überkommene Konstruktionen von Geschlecht und Verhalten Geltung erfahren, gerade weil sie ironisch gebrochen reproduziert werden. Aber das, ich gebe es zu, ist etwas weiter vom Thema entfernt ;)