Veröffentlicht in August 2009

Vorlauferhitzer

Wenn mein Leben entlang der narrativen Struktur des privaten Frühstücksfernsehens verlaufen würde: Dann müsste ich mit zwei lockeren Sprüchen auf den Lippen aufwachen, dürfte auf dem taumelnden Weg ins Badezimmer nicht über den Studiohund stolpern und könnte das, was mich diesen Tag erwartet in knackigen Zweizeilern komprimieren. Während den Zwiegesprächen mit meinem Promiexperten und diversen Gästen würde ich dann Kaffee aus bunten Henkeltassen schlürfen, unterbrochen nur von regelmäßigen Konsumtätigkeiten.

Aber wenn ich es genauer betrachte, dann wäre die televisionale Entsprechung meines Lebens – zumindest der ersten zwei, drei Stunden meiner Tage – eher ein Testbild. Das mit dem markerschütternden Piepton.

Danach käme krawalliges Bildungsfernsehen.

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Der Macher ist vom Macker nur einen Buchstaben entfernt

Wenn ich eine Zeitschrift machen würde, die – ich zitiere hier im Originalton – eine Wirtschaftszeitschrift für bekennende Alpha-Tiere, die das „Bösesein“ zum Prinzip erhebt, werden soll, dann würden mir alte Freunde hoffentlich aufs Maul hauen. Nicht unbedingterweise, weil ich eine Wirtschaftszeitschrift mache, sondern weil ich auf dem, was an Phrasen aus meinem Maul kommt, hängen geblieben bin. Da hab ich es dann auch verdient, das man mich auf selbiges haut.

So weit ist das natürlich nicht bemerkenswert.

Sollte ich allerdings noch auf die Idee kommen, das Ding „Business Punk“ zu nennen, dann müsste ich mir noch eine Frage beantworten. Eine Frage, die bei einem solchen Titel zwangsläufig ist und die darauf abzielt, herauszufinden, ob da eine Ausgabe nur – haste mal, oder? – einen Euro kosten darf und ob es sinnvoll ist, als Gegenwert beim Kauf nicht angepöbelt und nicht angespuckt zu werden. Aber das nur am Rande, Deutschlands Wirtschaftselite ist bestimmt schlau genug, nicht für alten Wein aus neuen Schläuchen zu bezahlen.

Wenn die Hölle zufriert.

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Zeit vergeuden

Der habe auch immer gedacht, er könnte die Welt zerreißen. Sagt meine Mutter am Kaffeetisch, nahtlos anknüpfend an die Erzählungen von den Beerdigungen der letzten Woche. Da hätten sie zwei Klappstühle mitgenommen, denn wenn man nicht schon zwei Stunden vorher käme, wäre die Aussegnungshalle schon dermaßen voll, dass einem nur das Stehen übrig bleiben würde.

Der habe auch immer gedacht, er könnte die Welt zerreißen. Sagt mein Vater, als er erzählt von damals. Als sie in einer Cessna über das kleine Dorf flogen, dass sie Heimat nennen. Treu seinen schwäbischen Wurzeln habe der da beim Blick auf seinen kleinen Zuliefererbetrieb für einen Maschinenbauer in dem etwas größeren Städtchen den Berg hinab gescherzt, dass er da bei sich unten gar niemand arbeiten sehen würde. Das könne da ja nicht mit rechten Dingen zugehen. Ging es aber doch, in staubtrockenen Sommern, in denen ich dort mit Lötkolben und Schraubschlüssel meine Jugend absaß, konnte ich mich davon überzeugen.

Der habe auch immer gedacht, er könne die Welt zerreißen. Manchmal sitzt er auf der Terasse vor dem Haus und keiner weiß, ob er überhaupt noch etwas mitbekommt, von dem was war und von dem was ist. Besuche werden mit vorwurfsvollem Ton angemahnt und verlaufen in der Regel ereignislos.

Die Klappstühle stehen in der Garage, jederzeit griffbereit.

Für die alten Freunde, die Weggefährten und den ganzen Rest.

Man kannte sich schließlich.

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