Ra(s)tlos

Wenn zwischendurch mal nicht das Telefon klingelt, dann komme ich zum Arbeiten. Stückchenweise. Zum Nachdenken – der Grundvoraussetzung einer jeden Aktion – komme ich selten, eher falle ich ins Bett; das Gefühl, nicht genug Schlaf zu bekommen schon mit unter der Decke. Um am nächsten Morgen wieder zu erkennen, dass etwas zu schaffen nicht in meiner Stellenbeschreibung steht.

Das ist vielleicht die perfideste Strategie, die der Kapitalismus je entwickelt hat: Ermüde den Menschen, ohne das dieser wirklich produktiv tätig ist. Da kann man dann nur hoffen, dass der Kapitalismus damit auch sein eigenes Grab schaufelt.

Und wenn die Revolution kommt, dann stehen wir alle an der Wand.

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5 Gedanken zu “Ra(s)tlos

  1. Lara sagt:

    “Und wenn die Revolution kommt, dann stehen wir alle an der Wand.”

    Ist schon interessant zu sehen, wie die Finanzkrise gerade jene Menschen, die ihre Zeit damit verbringen über den Tag nachzudenken, dazu bringt radikale Bilder der Zukunft zu entwickeln. Sowohl Nationalsozialismus als auch Sozialismus haben es verstanden die intellektuellen Eliten in ihre Denkprogramme einzubinden. Was ist der nächste -ismus?

    P.S.: Ich bin übrigens auch müde, aber es gibt immer exit-options.

  2. Mark sagt:

    Bitte nicht missverstehen, Lara. Dass An-die-Wand-stellen soll nur heißen, dass wir alle schon den ersten Stein geworfen haben. Spätestens seit dem Moment, als mir ein fester Job wichtiger wurde als die Weltrevolution, bin ich auch schon mit dabei – vielleicht ein Grund, warum ich bitterer schreibe.

    Was die intellektuellen Eliten angeht, die sind wahrscheinlich auch nur dem Populismus anheim gefallen. Wie jeder von uns. Du bestätigst da als Ausnahme nur die Regel ;) Danke für diese kommunikative exit-option..

  3. Lara sagt:

    Der einzige Grund weswegen ich (noch/wieder) hier bin, ist, dass ich durch eigene Erfahrung eine Skepsis gegenüber dem Schlagwort “global denken, lokal handeln” entwickelt habe. Ich habe exit-options kennen gelernt, die keine waren, Entwicklungsarbeit z.B. Dabei will ich nicht alle Ausstiegsvarianten verteufeln, aber ich denke, dass es einerseits oftmals Alibibereiche der kapitalistischen Gesellschaft sind (besonders Entwicklungsarbeit) und sich die Menschen andererseits in vielen Fällen ein bewusst kompliziertes und radikales Bild des Ausstiegs entwerfen (Stichwort Eremit), damit wir uns selbst sehr einfach klar machen können, dass das Verzweifeln und Mitlaufen eigentlich alternativlos ist und man von daher trauern und weiterleben kann. Aber Ausstieg beginnt meines Erachtens in kleinen unbedeutenden Handlungen und er beginnt in kontinuierlicher Selbstkritik. Er beginnt dort wo man einsieht, dass man sich nicht immer gut fühlen sollte, aber auch nicht immer schlecht fühlen muss. Vereinfacht gesagt beginnt er dort wo wir anfangen nach Fragen zu suchen anstelle nach Antworten zu fragen. Und nicht zuletzt beginnt er im Reden, denn erst das Reden ermöglicht das Aussteigen.

    “Was die intellektuellen Eliten angeht, die sind wahrscheinlich auch nur dem Populismus anheim gefallen. Wie jeder von uns.”

    So wie du es darstellst klingt es dramatisch und schlecht. Populismus, Banalisierung, Vereinfachung sind nicht wirklich schlimm, im Gegenteil: sie sind notwendig. Schlimm ist lediglich die Verzweiflung, weil sie zwangsläufig in Alternativlosigkeit und Treibenlassen mündet. Wie ich bereits sagte, das ist auch ein sehr gemütlicher Sessel in den man sich fallen lassen kann. Die Frage ist: Warum?

  4. Mark sagt:

    Das Ausstieg im kleinen anfängt und ständiger Reflektion bedarf, dass ist mir klar. Trotzdem, und da kommt bei mir die Bitterkeit ins Spiel, zweifle ich, ob das denn wirklich genug sein kann. Wenn im ersten Satz des Wikipedia-Artikels zu Lohas mehrmals das Wort Markstsegment vorkommt, dann ist das weitab von grundsätzlichen Änderungen – und letzten Endes vielleicht auch eine Vereinfachung unter kapitalistischen Vorzeichen.

    In dem Sinne müsste mehr Komplexität her. Nicht alles ist Markt, Wirtschaft und Ware, sondern eben auch etwas anderes?

  5. Lara sagt:

    “Nicht alles ist Markt, Wirtschaft und Ware, sondern eben auch etwas anderes?”

    Denk doch mal anders herum. Markt, Wirtschaft, Ware sind keine substanziellen Dinge, sondern Wörter, die einen bestimmten Zweck erfüllen. Das ist der Grund weswegen sie sich in der Tat auf alles anwenden lassen. Alles IST Markt, Wirtschaft, Ware sein wenn wir es so nennen. Daher ist meines Erachtens nicht die Frage, ob tatsächlich alles Markt ist, sondern warum wir alles Markt nennen. Wenn wir ein Wort wie Humankapital nennen, dann ist das für mich nicht Ausdruck von Menschenfeindlichkeit, sondern dafür, dass Menschen stärker als vorher funktional in ein ökonomisches Sprachsystem eingebunden werden. Die Aufreger gleichen meines Erachtens denen, die sich über Selbstscan-Automaten in Supermärkten beschweren: Tatsächlich sind letztere nämlich nur ein stärker sichtbarer Ausdruck einer permanent vorliegenden Tendenz, ein Quantensprung. Was ich sagen will: Nicht die Worte sind das Problem, sondern die Ursachen der Worte. Was mich zu der Evolution der kleinen Schritte führt:
    Muss man sich mit kleinen Schritten abfinden? Nein, sicherlich nicht. Ich glaube nur, dass man so lange kleine Schritte gehen sollte, wie es der Boden zulässt und erst dann springen, wenn sich Spalte auftun. Dass sich die Welt nicht immer so dreht wie man es selber möchte liegt in der Natur der Dinge (bzw. in unserer doch recht unbedeutenden Existenz). Aber natürlich ist mir bewusst, dass es nicht einfach Schrägstrich unmöglich ist, in dieser Linie ein gewisses Opiat des Volkes zu sehen. Ist es auch – und die Balance ist nicht wirklich einfach zu finden.

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