Getaggt mit Baudrillard

Jammern und Schaudern

Wenn ich über ein Banner stolpere, auf dem in roten Lettern die Flucht durch ein Minenfeld und das Überleben in einem Flüchtlingslager zum Selbsterleben angeboten wird, dann halte ich das entweder für gelungene Satire oder auch, je nach präsenter Laune, für ein Resultat eines miesen Sinns für Humor. Aber natürlich ist es das alles nicht, sondern ein ernst gemeinter Versuch, den Teilnehmern des Weltwirtschaftsforums das Leben eines Flüchtlings näher zu bringen.

Das nennt sich dann Refugee Run.

Mal leichtfertig angenommen, dass ein einstündiges simuliertes Rollenspiel, bei dem psychische und körperliche Unversehrtheit immer gewährleistet bleibt – ich denke, das Flüchtlingskommissariat der UN würde dem CEO von Nike kaum die Schienbeine zertrümmern – überhaupt so etwas wie Mitgefühl oder einen Wechsel der Perspektive und vielleicht sogar des Verhaltens bewirken könnte. Wäre es dann eine Bestätigung dieser Annahme, wenn Richard Branson, wahrscheinlich zwischen schneller Morgentoilette und dem nächstem Stratosphärenflug, das ganze mit einem Beautifully done! kommentiert? Oder doch eher ein Indiz für das Gegenteil?

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Die europäische Perspektive

Der Krieg da unten ist kein Krieg, der ist nur Deko, frei nach Rainald Gebe gesagt. Mit ziemlich überzeugenden Kulissen, da haben sich die Ausstatter nichts geschenkt, ebenso wenig die Castingleute, die eine schier unüberschaubare Anzahl kleinerer und größerer Statisten, Haupt- und Nebenrollen gefunden haben. Nicht zu vergessen die Produktion, die einen fast noch nie dagewesenen Material- und Menschenaufwand zur Verfügung hat und diesen effektvoll zu nutzen weiß. Ein größeres Stück wurde selten auf die hiesigen Bühnen gebracht. Und klar, die Kritiker echauffieren sich rechts und links, manche finden die Inszenierung unangemessen, manche die schauspielerischen Leistungen wenig überzeugend. Bis ins kleinste werden die Feinheiten weiter debattiert – natürlich nur insofern die Meinung nicht schon feststeht – das Glas Rotwein in der einen Hand, die andere in nachdenklich-tiefschürfender Geste am Kinn. Hitziger wird es ab und zu auch, aber das gehört in diesen Zeiten einfach dazu. Doch trotz den vernichtenden oder lobpreisenden Feuilletonartikeln: das Publikum scheint fasziniert. Überlegungen, aus dem ganzen noch ein Musical zu machen, inklusive einem eigens dafür errichteten Prunkbau irgendwo in den Brachen des Ruhrpotts, sind schon zu vernehmen.

Komisch nur, dass die da unten nach gefallenem Vorhang und stehenden Ovationen nicht friedlich in der Garderobe zusammensitzen und ein Gläschen zu sich nehmen, bevor es heim zu Frau und Kindern oder wahlweise auch zu der süßen Produktionsassistentin geht.

Immerhin, die nehmen ihren Job ernst.

Wir auch.

Wir sind gut darin, andere Menschen nur als Bilder anderer Menschen zu begreifen.

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Dollarzeichen in den Augen

Postmodern war nicht der neoliberale Marktfetischismus, denn diese Spielart von Fundamentalismus war schon immer eine drohende Möglichkeit kapitalistischer Gesellschaften. Aber muss man nicht die seit den 1990er- Jahren weltumspannend gewordene Finanzindustrie mit ihrer Technik, Erwartungen über Erwartungen zu häufen und darauf Optionen und Derivate zu konstruieren, im Wortsinne als postmodern bezeichnen? War das nicht eine Form von bloss noch semiotischem Kapitalismus mit Zeicheneffekten, welche die Realität nicht mehr irgendwie «abbilden» (was die Börse eigentlich tun sollte), sondern in neuer Gestalt erzeugen (und dann Panik vor den eigenen Schimären bekommt)?

Man kann mit Kulturtheorie sagen, was man will. Diesen Vorwurf hört man oft und manchmal, bei all den Wracks der gegen die Wand der Wirklichkeit gebretterten Perspektiven, muss man ihn auch gelten lassen. Man kann unter kulturtheoretischen Vorzeichen aber auch treffend meckern – sogar im Wirtschaftsteil. Hach.

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