Getaggt mit Buch

Sehr geehrter Herr Amazon-Empfehlungsservice,

Mit Freude las ich bisher die mir von Ihnen zugesandten Empfehlungen über Neuheiten auf dem Büchermarkt. Da ich selten Bücher erstehe, die mich nicht interessieren, die ich nicht lesen möchte und deren Lektüre ich vielleicht sogar bereue, waren Ihre Empfehlungen bisher durchaus treffsicher und ich konnte mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dort ein interessantes Buch – auch wenn ich die meisten Empfehlungen natürlich schon kannte, man bildet sich ja nicht umsonst etwas auf seine Belesenheit ein – oder gar eine erstehenswerte Neuerscheinung zu finden.

Mit Ihrer letzten Depesche haben Sie allerdings mein Vertrauen, welches ich in Sie setzte, zutiefst enttäuscht. Da empfehlen Sie mir ein Buch, dessen Klappentext reißerischer nicht sein könnte und dessen Inhalt, trotz aller wirklichkeitskonstruierender Raffinesse, einfach nur, und das wissen wir alle, erstunken und erlogen sein muss. Sollten Sie weitere Empfehlungen dieser Art an vielleicht nicht so informierte Mitbürger versenden, so nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass ich Sie und ihre Firma dann nach allen zu meiner Verfügung stehenden Kräften boykottieren werde.

Ich werde stattdessen meine Bücher bei Weltbild, Thalia oder vom Kopp Verlag kaufen.

Hochachtungsvoll,
Ein enttäuschter Kunde

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Die grüne oder die rote Arterie?

Ich habe das Buch des werten Herren Hontschik nicht gelesen, und seine Kritik am medizinischen System kann ich – zumindest in dem Maß, wie es mir diese kurz gehaltene Rezension erlaubt – nachvollziehen, schließlich will niemand nur ein Rädchen im System sein. Aber, und das ist ein großes Aber, sollte ich mal wieder auf dem Tisch liegen, der Chirurg mit gezücktem Skalpell über mir, dann hätte ich eine Bitte, und das ist eine große Bitte. Denn sie beinhaltet die stille Übereinkunft, dass der Chirurg nicht der Annahme verfallen ist, dass Objektivität unmöglich sei und sich jeder Organismus seine Realität ‘konstruieren’ müsse.

Es ist nämlich meine Leber, an der gerade wild geschnippelt wird. Im Hinblick auf meinen Organismus – und insbesondere meine Organe – möchte ich mir in einem solchen Fall derartige Sichtweisen gerne verbitten. Der Konstruktivismus mag seinen Platz haben, aber im Operationssaal ist der bestimmt nicht.

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Gefährliche Ideen

Zu diesem Zeitpunkt, da sich meine Lektüre dieses Buches, der Zusammenstellung der Antworten auf die 2006er Frage von Edge, dem Ende nähert, muss ich mal festhalten, dass die darin beschriebenen Ideen – ganz entgegen der Intention, die einem der Titel suggerieren mag – mal eher aus der ungefährlichen Ecke kommen und eigentlich auch ziemlich harmlos sind. Denn grob lässt sich da alles in drei Kategorien einteilen. Erstens die biologisch-evolutionär bedingte Definition des Handelns, in der Entscheidungshoheit oder gar der freie Wille nicht mehr vorkommen. Determinismus deluxe. Zweitens die Postulation der Nichtexistenz Gottes, aber unser Bedürfnis, einen haben zu wollen sei durchaus auch biologisch-evolutionär bedingt. Und drittens seien wir sowieso allein im Universum.

Zugegeben, ich liefere hier eine doch recht starke Simplifizierung, und es gibt noch einige andere Ideen, aber der Großteil lässt sich sehr gut in diesen drei Kategorien verorten. Aber zurück zum Gefährlichen: Das findet sich da nicht. Alle der genannten Ideen sind durchaus begründbare und begründete Theorien, deren Verifikation oder Widerlegung sich im weiteren Verlauf des wissenschaftlichen Prozesses ergeben wird. Ich bin mir bewusst, dass die Gefährlichkeit bei diesen Ideen eine äußere ist, mehr auf die Beschleunigung des kulturellen und sozialen Wandels abzielt als auf das, was man gemeinhin unter gefährlich versteht. Denn die wirklich gefährlichen Ideen kommen eher von denen, die sich neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen verweigern. Die könnte man auch als dumme Ideen bezeichnen, aber ich will da keine Haarspalterei betreiben.

Trotzdem nagt das ein bisschen an mir, denn eine dem folgende Betitelung ist dann doch eher kontraproduktiv, festigt und verstärkt mehr noch die Ängste, die zwangsläufig bei Umbrüchen der Welt, die wir uns schaffen, auftreten. Obwohl anderes beabsichtigt ist, denke ich. Aber mit einem anderen Titel würde das Buch wohl wie das sprichwörtliche Blei in den Regalen liegen bleiben. Ambivalenz ahoi. Abgesehen davon wird nichts neues geboten. Das meiste geistert schon seit Jahren durch die Welt, wird hier aber noch mal zum schnellen Weglesen komprimiert. Fastfood für den Nachtisch, vielleicht auch so schnell wieder vergessen wie gelesen. Schade, zwei oder drei der Ideen klangen sehr vielversprechend.

Ach ja, die Antworten gibt es auch alle hier.

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