Die 99 islamischen Superhelden hatte ich hier schon mal erwähnt, und jetzt gibt es in der Süddeutschen einen Artikel, der noch einige Hintergrundinformationen mehr liefert. Da könnte man doch glatt auf die Idee kommen, dass Superhelden ein global anschlussfähiges Medium sind, die nicht auf eine Bedeutungsebene festgelegt sind. Sondern durch Projektion verschiedenster kultureller Mythen erst ihre Wirkung entfalten.
Wenn man Captain America als die Verkörperung eines positiven, aus europäischer Sicht natürlich strunznaiv erscheinenden amerikanischen Patriotismus sieht, und ihn dann mit der zugewiesenen politischen Position von Green Arrow konterkariert, wird klar, dass Superhelden wohl für jede politische, religiöse oder kulturelle Integration geeignet sind. Als Symbolwerte also durchaus rein wertneutrale Formbildungen und somit populäre Kommunikationsweisen sein können. So gesehen sind islamische Superhelden keine erstaunliche Erscheinung, sondern nur konsequenter Ausdruck des Anknüpfens an globale Kommunikationszusammenhänge. Männer in Unterhosen als globaler Diskurs, wenn man so will.
Interessant bleibt aber die offene Frage, wo dann die Grenze zwischen globalem Mythos und individueller Aneignung zu ziehen ist. Wenn Superhelden nicht als global vereinendes Medium in Erscheinung treten, sondern vielmehr die totale Inklusion des eigenen Weltbildes und der eigenen Werte vollzogen wird, das Aufladen mit einem Zuviel der eigenen kulturellen Bedeutung eben die Globalität des Mediums übersieht. Dann wird es brenzlig, denn dann bewegen wir uns in gefährlichen Bereichen, vor allem wenn extreme politische Standpunkte plötzlich in Superheldenpose daherkommen. Denn Extremismus – damit einhergehend die Verneinung anderer legitimer Perspektiven – hat wie die Superhelden auch eine Qualität des Anknüpfens, denn er vereinfacht komplexe Zusammenhänge auf ein ungültiges Maß, in dem zwischen gut und böse vielleicht Grauzonen existieren können, im Zweifelsfall aber immer klar ist, wer die Kugel verdient hat.
So gesehen ist Extremismus auch eine attraktive Option, die, gekoppelt mit aufladbaren übermenschlichen Ikonen, umso gefährlicher wird. Und bei aller handwerklicher Raffinesse, es gibt Autoren – und hiermit ist jeder gemeint, der in irgendeiner Form die Rolle des Erzeugers eines kulturellen Werkes, mehr oder weniger auf wirtschaftliche Verwertbarkeit gebürstet, einnimmt – bei denen diese Grenze schon lange überschritten ist. Moment, höre ich da schon einen Einwurf von der Seite kommen: Was soll all das Gerede über Superhelden als globale, vereinende Form der Expressivität, wenn Du doch mit diesem Text nichts anderes sagst, als dass Du nur Frank Miller wegen seiner zweifelhaften politischen Äußerungen ans Bein pissen willst?
Gerechtfertigt, möchte ich da sagen, aber lasst mich zwei Dinge hinzufügen. Erstens haben das andere schon besser getan, und zweitens muss man gerade wegen dieser leicht instrumentalisierbaren Wertneutralität von Superhelden besorgt sein. Denn gerade an der Schnittstelle von Politik und Popkultur, also nicht nur in Comics, sondern auch in der Musik und dem ganzen Rest, kann sich schnell eine extremistische Position unter dem Banner einer kollektiv gültigen Perspektive verbreiten. Denn wenn die Comicschreiber und die Bands das so sagen wie sie es sagen, dann ist ganz schnell der Anschein einer gerechtfertigten Sichtweise geweckt. Zwar muss eine Demokratie ihre Extremisten im demokratischen Diskurs aushalten können, aber das ist kein Grund, ihnen die Erkenntnis einer wie auch immer gearteten Wahrheit über die Welt zuzugestehen, denn die kann in ihrer reduzierten, auf Gut und Böse, Schwarz und Weiß gebrachten Form eben das – die Annäherung an einen legitimen Weltanspruch – nicht leisten.
Deswegen ist Batman vs. Al Qaida eine schlechte Idee, deswegen ist neoliberaler Glaube an das Richtige eine schlechte Idee, deswegen ist bedingungslose Solidarität mit irgendwas außer konventionellen, von jedem unterschreibbaren Grundannahmen eine schlechte Idee. Von diesen schlechten Ideen gibt es nur leider viel zu viele.
Das hier zu schreiben war vielleicht auch eine.