Getaggt mit Erinnerungen

Kaschemmen & Spelunken

Als Kind war ich mit meiner Mutter einmal in der Stadt unterwegs. Das kam selten genug vor, und eigentlich wurde die recht provinzielle Kreisstadt, die mir damals allerdings als infernalischer Moloch erschien, nur aufgesucht, wenn unumgängliche Angelegenheiten wie Behördengänge und Facharztbesuche beispielsweise einen dazu zwangen. Dorfmenschen mögen die Stadt nun mal nicht. Und natürlich: Ich quengelte ob des überbordenden Angebotes an Verlockungen, die zumindest damals für mich alles andere als alltäglich waren, vor allem eine fixe Idee hatte sich in meinem Kopf festgesetzt: Ich wollte unbedingt Pommes Frites. Dies tat ich auch lautstark kund. Man kann über krakeelende Kinder denken was man will, aber sie erwecken in anderen eine nicht zu unterschätzende Motivation, sie zum Schweigen bringen zu wollen. Das wusste ich natürlich nur zu genau.

Also machte meine Mutter das einzig logische: An der nächsten Plastiktafel, auf der mit Kreide fettige Spezialitäten angeboten wurden, bog sie ab und bestellte einmal Pommes mit Ketchup. Ich allerdings wusste plötzlich nicht mehr so richtig, ob ich überhaupt welche wollte, da wir in einer Pilskneipe der übelsten Sorte – Bahnhofsnähe bedeutet eben auch in provinziellen Kreisstädten genau das, was Bahnhofsnähe auch in Frankfurt bedeutet – gelandet waren. Kulturschock hätte man es nennen können, was ich während der zehn Minuten erlebte, in denen der Inhaber die Friteuse anfeuerte und uns schließlich eine Tüte Pommes mit Ketchup übergab. Man könnte aber auch einfach sagen, ich hatte die Hosen gestrichen voll, da läge man auch nicht falsch. Nun, mittlerweile ist mir klar, was der Unterschied zwischen Eckkneipen und Wirtshäusern ist.

Genauer betrachtet kenne ich ihn vielleicht ein bisschen zu gut.

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Tütensuppen, Captain Kirk und die Internet-Türsteher

Eine meiner ersten Begegnungen mit unorthodoxen Werbeformen hatte ich etwa im Alter von 11 Jahren. Zu dieser Zeit war ich häufiger Besucher der lokalen Stadtbibliothek und ihrer trashigen Taschenbuchecke. Man könnte sagen, es war der Mangel an qualifiziert trashiger Unterhaltung, beruhend auf der Tatsache, dass mein Fernsehkonsum sich auf vier öffentlich-rechtliche Programme beggrenzte, der mich zu diesem Ort trieb. Aber damit würde man rückblickend der Qualität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ein unangebrachtes Lob erweisen.

Auf jeden Fall fand ich in der Bibliothek eine Menge an Sci-Fi-Romanen im Taschenbuchformat, darunter auch eine ganze Reihe an – bis heute liebe ich diese Bezeichnung – begleitenden Büchern zur TV-Serie. In diesem Fall war es Star Trek. Man kann sagen, dass meine Initiation ins Star Trek-Universum mit den Romanen zur Serie stattfand. Zur klassischen wohlgemerkt. In den neueren Exemplaren stieß ich dann manchmal auf Seiten, die so aussahen, als ob der Text schwarz ausgestrichen worden wäre. Nur ein paar Sätze waren freigelassen. Im Nachhinein finde ich es faszinierend, denn diese Sätze nahmen direkt Bezug zur Handlung. Jemand musste sich das also vorher durchgelesen haben, um dann sowas wie dieses zu schreiben:

Das ist unzweifelhaft eine verzwickte Situation, in der Captain Kirk sich gerade befindet. Mutterseelenallein auf einem fremden und gefährlichen Planeten. Wird er es schaffen, den Spinnenwesen von Kra’tul zu entkommen oder werden ihn die Kräfte verlassen? Damit den werten Leser die Kräfte nicht verlassen, gibt es wirksames Mittel: Eine Fünf-Minuten-Tütensuppe mit echtem Hühnchen und viel Gemüse. Heiß und stärkend.

Der Name des Tütensuppenherstellers mag mir jetzt nicht mehr einfallen, aber so in der Art war das gemacht. Und ich stelle mir gerade vor, so wären die Verlage mit einer Neuauflage von Joyce oder einem Sammelband von Hemingway verfahren. Das hätte ein Geschrei gegeben. Lauter als Motörhead und Manowar zusammen.

Ob diese Praxis der Werbung heute noch in dieser Form existiert, ich weiß es nicht. Allerdings hätte ich es zumindest gern überprüft, was ein gesponsorter E-Book-Service wie Wowio aus diesem Vorhaben macht. Vor allem bei vielversprechenden Sachen wie Living in Infamy, die da frei verfügbar sind. Aber da stehe ich – wie bei Pandora auch – vor verschlossenen Türen. Und mich jetzt mit freien Proxies herumzuärgern, bis ich einen finde der funktioniert, da lass ich es lieber. Irgendwo hier müssen noch ein paar alte Star Trek-Romane rumliegen, da könnte ich mal wieder einen Blick reinwerfen.

Digitales Publizieren ist eh überbewertet und Papier riecht besser. Meistens.

Ich könnte natürlich auch The Mindscape of Alan Moore ansehen.

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Vom Mitnehmen und Anhalten

Eine Geschichte zwischen den Jahren / Von einer nicht ganz einsamen Nacht auf der Autobahn / In der Mark auf dem Heimweg ist / Und eine Begleitung trifft, die ein unerwartetes Geschenk zurücklassen wird

Zu beinahe exakt diesem Datum genau ein Jahr vorher, vielleicht ein paar Tage früher, im auslaufenden Trubel des Festes, begab sich Mark auf den Heimweg, an dessen Ende das ersehnte Wiedersehen mit der besten aller Freundinnen stehen sollte. Denn drei Tage im Schoss der Familie waren einer zuviel, und wären nicht noch an diesem verdammten Abend noch einige selten gesehene Freunde beisammen gewesen, Mark wäre schon viel früher gefahren. So allerdings kam es, dass Mark erst am späten Abend des auchtundzwanzigsten aufbrach. Zielsicher flegelte er den italienischen Boliden erster Baureihe durch die dunklen Straßen seiner schon lange verlassenen Heimatstadt, um alsbald an der letzten Tankstelle vor der Autobahn noch die Reisevorräte in Form von Benzin, Zigaretten und Dosenkaffee aufzustocken.

Als Mark mit eiskalten Händchen den Zapfhahn in die dafür bestimmte Öffnung zu zittern versuchte, drang plötzlich eine Stimme durch das Klackern von Metall auf Metall. Ob denn die Möglichkeit bestünde, dass er in Richtung Nürnberg fahren würde und ihn mitnehmen könnte. Mark musterte den Fragesteller und fand keinerlei Anzeichen dafür, dass der eine von diesen Personen sein könnte, die unerwartet ein Messer zum Zwecke der Halsverschönerung zücken, und bejahte daraufhin. Mark wusste nicht, dass er damit den ersten großen Fehler dieser Nacht begangen hatte.

Doch zunächst schien die Situation keineswegs prekär. Der Fragesteller, ein junger Mann um die fünfundzwanzig bedankte sich überschwenglich und legte seine Beweggründe dar. Er hätte seine Schwester besucht und nun wäre ihm das Auto liegengeblieben. Und da ein Abschleppdienst für eine Strecke dieses Ausmaßes exorbitant in die Geldbörse greifen würde, hätte er beschlossen, per Anhalter nach Nürnberg zu fahren, um am nächsten Tag mit einem befähigten Freund, der der Motorenkunde mächtig war, zurückzufahren. Auch sein Angebot, er würde die gerade von Mark in den Bauch des Fiats gejagte Tankfüllung übernehmen erschien in diesem Zusammenhang nicht nur unverdächtig, sondern geradezu zuvorkommend. Dies war der Moment, an dem Mark es sich noch hätte anders überlegen können, der Point Of No Return war aber spätestens mit seinem zustimmenden Nicken überschritten.

Ein erstes Warnsignal waren die zwei Dosen Bier, die der junge Mann von seinem Ausflug an die Kasse mitbrachte, doch noch war Mark gewillt, dass dem Zwecke der Stressbewältigung zuzuschreiben, außerdem war es im Kern eine nette Geste, war doch eine Dose für ihn gedacht. Da Mark aber den Alkohol scheute wie der Teufel das Weihwasser, musste er das Angebot ausschlagen. Wenn Mark gewusst hätte, was dieser zusätzliche halbe Liter, den der junge Mann im Laufe der Fahrt in sich hineinschütten würde, anrichten würde, er hätte mit Freuden mit seinem Abstinenzlertum gebrochen. Aber so nahm die Verdammnis ihren Lauf. Unaufhaltsam, eine Kette von Ursache und Wirkung, so mächtig wie das Universum selbst.

Er würde eine Gastwirtschaft betreiben, unter der Schirmherrschaft seines Schwiegervaters, der ihm allerdings öfter geschäftsführende Unfähigkeit vorwerfe, außerdem sei er für dessen Tochter auch viel zu schade, zumindest vermute er, dass sein Schwiegervater so denke. All das und noch viel mehr erzählte der junge Mann, währen draußen die blassen Sterne der Winternacht vorbeizogen. Sein Monolog wurde nur durch die kurzen Pausen unterbrochen, in denen er die Bierdose zum Mund führte oder sich eine Zigarette anzündete. Die Ramones klopften dazu im Viervierteltakt aus den Lautsprechern.

Fünf Minuten, bevor sie den Rasthof Frankenhöhe passieren sollten, fragte der junge Mann, dessen Stimme mittlerweile undeutlicher wurde, ob man denn demnächst mal kurz anhalten könne, das Bier mache sich bemerkbar. Mark sagte, dass das kein Problem sei und wollte fünf Minuten später ausfahren, wurde aber zurückgehalten, der Drang habe sich mittlerweile verflüchtigt und ein Toilettenbesuch sei nicht mehr notwendig. Mark schöpfte, trotz eines penetranten Bieraromas, dass sich mittlerweile im Fahrzeugraum ausgebreitet hatte, immer noch keinen Verdacht. Gutgläubig war er, dass muss man im lassen.

So ging die Fahrt auch bald ihrem abgesprochenen Ende entgegen, der ersten Tankstelle nach der Autobahnausfahrt Nürnberg-Zentrum. Nun wurde Mark auch stutzig und die Situation kam ihm langsam komisch vor, denn sein Fahrgast schien sich spontan umentschieden zu haben, er wolle lieber an der geschlossenen und unbeleuchteten(!) Tankstelle zweihundert Meter die Straße hoch abgesetzt werden, da finde sein Freund, der ihn abhole, besser hin. Da zu diesem Zeitpunkt das Bierrülps-Odeur im Wageninneren ausgereicht hätte, ein strammes Rudel deutscher Schäferhunde mit links auszuknocken, tat Mark ihm den Gefallen. Der Anreiz, den mittlerweile als störend empfundenen Beifahrer loszuwerden, war größer. Und statt einem Messer am Hals gab es auch nur tausendfachen Dank.

So fuhr Mark alleine weiter, bis ihm an der nächsten Ampel etwas auffiel: Trotz geöffnetem Fenster wollte der Geruch nach Bier, der dick wie eine ungesteppte Daunendecke in der Luft lag, sich nicht verflüchtigen. Im Gegenteil, er schien schlimmer zu werden, als ob das Bier schon einen Durchlauf hinter sich hatte. Mark überkam eine dunkle Vorahnung, plötzlich machte jedes kleine Puzzlestück dieses Rätsels Sinn. Lass es nur verschüttetes Bier sein, war sein Flehen an den Möglichkeitshorizont des Determinismus. Doch Mark musste sicher sein, musste die vermutete Konsequenz verifizieren. Also legte er die Hand auf die nun leere Sitzfläche neben ihm. Und fasste in eine Pfütze. Was vorher in den Tiefen eines Körpers verborgen war, schwamm nun wie Quecksilber auf dem Beifahrersitz.

Der junge Mann hatte ein Geschenk hinterlassen. Und was für eins.

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