In der Zeit heute Morgen ein sehr interessanter Artikel von Ulrich Greiner. Ohne stümperhaft wiedergegebene Medienrezeptionsstudien macht er einen sehr interessanten Punkt auf: welche Rolle spielt die Motivation hinter Gewalttaten? Und wie hängt diese mit den tatsächlich verübten Taten zusammen? Denn die seien immer öfter nicht mehr allein durch ihre Beweggründe zu rechtfertigen. Greiner holt dabei weit aus und macht einen imho unnötigen Umweg über die Literatur- und Religionsgeschichte. Der wichtige Aspekt wird aber auch ohne klar: Gewalt besitze im Punkt ihrer Ausübung auch immer eine aus der Gewalt selbst hervorgehende Dimension der Rechtfertigung:
„Welch scheinbaren oder wirklichen Grund auch immer eine Mordtat haben mag: Im Augenblick der Wiederholung ist er aufgehoben, die Gewalt wird zum Selbstzweck. Sutterlüty sagt, die Tat folge nun Motiven, »die aus der Erfahrung der Gewaltausübung selbst hervorgehen und keiner situationsexternen Ziele und Zwecke mehr bedürfen«. Die Gewalt nährt sich von sich selbst, sie wird autonom, und hier bildet sich die schwankende und verführerische Brücke zur Ästhetik, die ja ihrerseits Anspruch auf Autonomie erhebt.„
Vergleichen könnte man das vielleicht mit den trance-artigen Zuständen, die Hochleistungssportler erreichen; oder auch den kollektiv-überhöhten Erfahrungen der Massenbegeisterung. Das Alles-um-sich-herum-Vergessen bei einem Konzert könnte ein ähnlicher Zustand sein wie die erlebte Autonomie der Gewalt, wenn man sich denn in der Täterrolle befindet.
Auf diesen Gedanken basierend, müssten wir diese Autonomie auch in ästhetisierten Formen wieder finden, in Filmen und Spielen. Eine Verherrlichung von Gewalt durch die Fixierung auf die ihr eigene autonome Dimension. Und hier stellt sich die Frage, an der sich Greiner dann auch messen muss: Gewiss ist die dunkle Seite der Menschen faszinierend und gewiss gibt es Momente der Konfrontation, in denen die Gewalt zum Selbstzweck wird. Aber kann da ein Verbot helfen, oder zumindest die soziale Intelligenz der Menschen für solche Grenzsituationen schärfen?
Die einfache Antwort würde Ja lauten; aber wie so oft im Leben kriegt man nichts geschenkt und nichts ist umsonst. Meiner Meinung nach ist es der falsche Weg, diese medial übermittelten Erfahrungen von Gewalt (meist in der Form ihrer Ausübung) zu verbannen. Denn das ist der erste Schritt zur Tabuisierung dieser Elemente innerhalb des sozialen Gefüges namens Kultur – und damit auch dem Denken der Akteure. Und wir stehen bald an einem Punkt, an dem wir nicht mehr fähig sind, rational und mit der angebrachten ethischen Konsequenz* mit Gewalttaten umgehen können – wir ratlos und verwundert unsere Gesellschaft zusammenfallen sehen.
Vielmehr müssen wir in der Lage sein, diese Momente autonomer Erfahrung zu erkennen und auch vernünftig damit umgehen zu können. Der Moment der Reflexion über das eigene Tun – sei es nun beim fanatischen Kreischen bei Tokio Hotel oder dem Malträtieren eines Obdachlosen – sollte vorhanden sein. Und diese Fähigkeit, sich selbst und seine Aktionen und Reaktionen zu verorten, kommt nicht von alleine. Sie muss gelehrt und vermittelt werden. Damit gewinnen wir dann auch die Fähigkeit, medial dargestellte und inszenierte Formen der Gewalt in einem anderen Kontext zu sehen. Einem Kontext, der uns ermöglicht, diese in Relation zu unserem eigenen Denken und Handeln zu verarbeiten. Soll heißen, mit einen entsprechenden Handwerkszeug ausgestattet ist es uns möglich, nicht nur mediale Gewalt als abstrakte Form der Ästhetisierung zu begreifen, sondern auch positiv für uns zu nutzen – eine Art interner Katalysator, wenn man so will.
Und wie passend, gerade laufen die Misfits mit Last Caress.
* Mit ethischer Konsequenz ist hier keineswegs eine Beschränkung auf einzelne Faktoren des Sozialsystems (wie zum Beispiel das Strafrecht) gemeint, sondern eine möglichst universale Perspektive, die allen Motiven und Gründen die entsprechende Aufmerksamkeit schenkt.
P.S. Ein ähnliches Thema hat heute auch Heise. Ich würde das aber noch mehr auf allgemeine Medien- und Sozialkompetenz ausweiten.