Mit ‘Geschriebenes’ verschlagwortete Einträge

Post

Bei marxistisch-leninistischen Dackelzüchtern

In Unkatzegoriert on 8. Juli 2008 von Mark Mit Tag(s) versehen: , , , ,

An jedem dritten Dienstag eines jeden Monats treffen sie sich. Im Hinterzimmer irgendeiner Absteige, die in Gegenden liegt, die meist als die schlechteren Viertel der Stadt bekannt sind. Anonym und kurzfristig reserviert, Ort und Zeitpunkt nur den Eingeweihten bekannt. Dann sitzen sie da auf den harten Holzstühlen, zwischen geleerten Glasbehältnissen und schalem Zigarettenrauch, der aus den übervollen Aschenbechern quillt wie Rauch aus den Schornsteinen – und den man in Eimern abtransportieren könnte, wenn man diesen Wunsch verspüren würde. Es hat etwas konspiratives, wie sie da in gedämpftem Ton debattieren und jedes Mal verstummen, wenn der Kopf eines anderen Gastes aus Versehen oder der des Wirtes in Erwartung regelmäßiger Nachschubanfragen im Türrahmen erscheint. Letzteres wird immer mit einem knappen Nicken quittiert.

Ein Systemwechsel ist eben undenkbar – so ohne Pils und Hefeweizen.

Post

Focus!

In Unkatzegoriert on 10. Juni 2008 von Mark Mit Tag(s) versehen: , , , ,

Es gibt Menschen, die warten jahrelang auf einen solchen Moment. Menschen wie Dich. Fiebernd und träumend, voller Erwartung und wahrscheinlich zu großer Hoffnungen. Da scheint ein ganzes Leben nur auf diesen einen Punkt fokussiert zu sein, der Punkt, an dem sich am Horizont die Linien treffen, der Punkt auf den alles hinauslaufen…ja was? Muss? Soll?

Natürlich wäre es schön, wenn im Gegensatz zu Dir auch mein Leben und sein Fortschreiten eine perspektivische Abbildung wäre. Dann hätte ich wenigstens ein Ziel vor Augen, würdest Du elegant argumentieren, so weit entfernt und unerreichbar es auch sein mag. Was dahinter dann kommt kann dann gar nicht mehr wichtig sein. Wie gesagt, es gibt Menschen, die warten jahrelang auf einen solchen Moment. Menschen wie Dich.

Die leise Vermutung, die da in Deinem Hinterkopf murmelt, schaltest Du auf stumm. Beim Hinhören würdest Du vielleicht Dinge erfahren, die Du eigentlich nicht erfahren willst. Zum Beispiel, dass Dir solche Momente ständig passieren, sie aber nur anderen Menschen wichtig sind. Nicht Dir. Dafür bist Du zu sehr mit Relativieren beschäftigt. Und damit, darüber zu staunen, was anderen Menschen so passiert. Menschen wie Du einer bist.

Post

Rekrutierungsmaßnahmen

In Unkatzegoriert on 5. Juni 2008 von Mark Mit Tag(s) versehen: , ,

Es geht quälend langsam voran. Alle fünf Minuten beschleicht ihn sogar das Gefühl, die Zeit wäre komplett stehen geblieben. Um ihn nur träge Masse, die zitternd in sich verharrt, der herbeigesehnte Impuls von außen – der Stein des Anstoßes, denkt er so bei sich – noch in weiter Ferne. Er schaut auf die Uhr an seinem Handgelenk, die Oberfläche des Glases so zerkratzt, dass er kaum mehr die wandernden Zeiger darunter ausmachen kann. Aber dennoch, sie bewegen sich. Es ist spät, aber noch nicht zu spät.

„Irgendwann,“, sagt er ein wenig zu laut zu der Person vor ihm, „irgendwann werde ich nicht mehr hier stehen müssen, irgendwann stehe ich auf der anderen Seite.“ Er zeigt auf den Schalter weit vor ihnen, eingerahmt von stichigem Milchglas und unverständlichen Beschriftungen, noch weiter entfernt als der Horizont. „Dann ist es endlich vorbei mit dieser täglichen Tortur.“ Die Person vor ihm dreht sich zu ihm um, die Augen wie Sand. „Das glaube ich Ihnen.“ ertönt es aus ihrem Mund, der sich beinahe unmerklich bewegt. „Die suchen immer motiviertes Personal.“ Mit ihren groben Händen scheint sie dabei etwas an einen ungerichteten Gesprächspartner zu signalisieren.

Als er nur noch einige Schritte vom Schalter entfernt ist, ziehen sie ihn raus.

Lautlos und unbemerkt.

Zwei Tage später haben Sie seine Persönlichkeit gelöscht, durch Prozessanweisungen und Phrasenkontingente ersetzt und ihn in ein weißes Button-down-Hemd gesteckt. Er ist jetzt das, was auf dem Namensschildchen an seiner Brust steht: Bob, Customer Support.

Post

Joe ist zurück

In Unkatzegoriert on 27. Mai 2008 von Mark Mit Tag(s) versehen: , ,

Am siebzehnten Oktober 2003 trat er aus der Wohnungstür. Er wolle nur mal kurz Zigaretten holen sagte er noch halb im Scherz. Am dritten März 2007 kam er wieder zurück. Die Geschichte, die er erzählte, war abenteuerlich und besorgniserregend zugleich. Er habe gerade die Packung leichte L&M – seine bevorzugte Marke, wenn es um abgepackte Rauchwaren ging – gezogen, als sie ihn traf wie ein Blitz die morsche Eiche.

Die Erkenntnis, dass er unbedingt hier raus müsse.

Er ging nach Norden, ohne triftigen Grund, einfach weil es ihm wie eine gute Richtung erschien. Bald traf er Gleichgesinnte, ebenfalls auf dem Weg, ohne auch nur eine Ahnung vom Ziel zu haben. Er ließ sich treiben; zumindest würde es so in seiner Autobiographie stehen, sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass jemand eine solche zu verfassen in der Lage wäre. Von der Motivation ganz zu schweigen.

Als er dann wieder zurückkehrte hatte sich nichts verändert. Er nicht, die Welt nicht, und auch nicht der ganze Rest. Nun ja, sagte er seufzend, während er sich auf die Couch sinken ließ, auf der noch der volle Aschenbecher von vor dreieinhalb Jahren stand, zumindest hab ich es versucht. Die Packung L&M steckte noch in seiner Hemdtasche. Er riss die Zellophanverpackung auf und zündete sich eine an. In Zeitlupe.

Die Zigarette schmeckte nach Sperrholz.

Post

Alles hat ein Ende nur der Kreis hat zwei

In Allgemeines on 8. April 2008 von Mark Mit Tag(s) versehen: , ,

Eine tolle Frage, der man nur zurecht mangelnden Tiefgang unterstellen kann, ist die nach der Person, die ich gerne mal treffen würde. Darauf fällt mir nur eine Antwort ein: Mich selbst in fünfzehn Jahren. Dann würde ich mir ob der vielen verpassten Gelegenheiten gehörig in den Arsch treten.

Um hundertachtzig Grad gedreht kann man diese Frage auch in abgewandelter Form stellen, zum Beispiel nach der Person, die ich in fünfzehn Jahren gerne mal treffen würde. Wiederum schnell beantwortet: Mich selbst heute – um mich davon abzuhalten, mich selbst in fünfzehn Jahren treffen zu wollen.

Andersrum verhält es sich auch nicht anders.

Post

Next Level Trading

In Allgemeines on 19. März 2008 von Mark Mit Tag(s) versehen: , , , , , ,

Der Mann vom deutschen Börsendienst sieht sieht mit seinem Doppelreiher aus wie ein Fussball-Manager. Die Sorte Menschen, die eigentlich in Eckkneipen zuhause sein sollten, aufgrund höherer Gewalt aber immer nur den neuesten schicken Italiener aufsuchen können. Trotzdem, er sieht zufrieden aus, auch wenn die Situation, über die er spricht, so gar nicht dazu passen mag.

Das Vertrauen in den Trend sei verloren gegangen, sagt er. Und klingt dabei, als ob das dutzende neuer Chancen eröffnen würde. Die Zukunft offen und formbar sei. Die Gegenfrage, was denn der Vorteil seiner Vorgehensweise sei, im Unterschied zu den oft genannten Affen mit Dartpfeilen, die bessere Ergebnisse erzielen würden, nimmt er auch locker. Seine Hände sind nicht zu sehen, sind aber todsicher gefaltet.

Niemals gegen den Trend, antwortet er.

Post

Ins Auge springen/gehen

In Allgemeines on 18. März 2008 von Mark Mit Tag(s) versehen: , ,

Auffindbar ist ein schönes Wort. Das klingt so, als ob man nur leicht konzentriert in die Ecke schauen müsste, und da wäre das gesuchte Objekt. Wie auf dem Präsentierteller, wenn man den Volksmund bemühen will. Nur leider hat die Welt den Objekten zuvor die Eigenschaft der Auffindbarkeit verliehen. Das wiederum ist gemein.

Post

Mit einem erleichterten Seufzer betätige ich die Löschtaste

In Allgemeines on 12. Februar 2008 von Mark Mit Tag(s) versehen: , , , , , ,

Ich blicke vom Monitor auf und merke, dass das Telefon schreit. Es ist kein gewöhnliches Klingeln oder einer der drei Dutzend anderen Signaltöne, die immer zu den unpassendsten Momenten erklingen. Etwa wenn ich gerade mein Pausenbrot aus dem wiederverschließbaren Vakuumbehälter hole und herzhaft abbeissen will. Oder gerade auf dem Sprung war, die Jacke schon über den Schultern und auf dem Weg hinaus. Dann kann ich garantiert damit rechnen, dass meine Pläne von dieser Wundermaschine der Kommunikation vereitelt wurden. Aber das war nicht der Fall, nein. Kein Klingeln. Diesmal schreit das Telefon lauthals.

Verwundert blicke ich über meine Schulter, aber das aus Leibeskräften schreiende Ding scheint keinerlei Aufmerksamkeit zu erregen. Das kann daran liegen, dass ich gerade alleine bin und es niemanden interessiert, was in meiner Ecke der Welt vor sich geht. Aber seltsam erscheint es mir schon.

Ich überlege einen Moment, ob ich den Hörer abnehmen soll, schrecke aber vor dem zurück, was sich am anderen Ende der Leitung befinden könnte. Mittlerweile war das Schreien auch in ein Gebrüll übergewechselt, als ob ich Zahnarzt wäre und das Telefon ein übereifriger Patient, den ich aufgefordert habe, mal Aah zu sagen. Ein Patient mit unerschöpflichem Atem und dem Lungenvolumen eines Tanklasters. Ob ich einfach das Kabel aus der Wand ziehen sollte, frage ich mich, während es mir fast schon die Ohren anlegt. Lange werde ich das nicht mehr aushalten.

Plötzlich herrscht Stille. Lähmende, erdrückende Stille. Auf dem Display blinkt eine Nachricht, die mich darauf hinweist, dass eine Sprachnachricht für mich vorliegt.

Post

Zuviel des Guten

In Allgemeines on 11. Februar 2008 von Mark Mit Tag(s) versehen: , , , , ,

Zuerst verliert man die Hoffnung, dann das Leben. Oder anders gesagt: Ohne Hoffnung ist das Leben wenig lebenswert. Misanthropen, Pessimisten und Schwarzseher – die mir immer noch lieber sind als Schwarzwähler – werden da nicht beipflichten, sondern nur hierauf zeigen und laut ‘Ha!’ rufen, gefolgt von einem ‘Ich habs Dir doch gesagt’.

Denn wenn Hoffnung und emotionale Verfasstheit nichts mit dem Ob und wie lange eines Überlebens zu tun haben, dann bleibt statt der Quantität nur noch die Qualität übrig. Und da sei mir verziehen, wenn ich behaupte, dass das Schlechtsein, welches der Welt gerne unterstellt wird, oft auch die eigene Lebensqualität erhöhen kann.

Nicht nur die kleinen Freuden sind es, die dann ins Exponentielle verstärkt erscheinen, auch die negativen Überraschungen nehmen ab. In besonderen Fällen verschwinden sie sogar ganz, das hängt stark vom jeweiligen Grad des internalisierten und auf Minus gedrehten Weltbildes ab. Und die lustigen Gesellen, die meinen es muss ja und es gehe schon irgendwie und es könnte schlimmer sein man müsse nur nicht aufgeben und überhaupt werde alles wieder gut – all denen kann man getrost ein gewisses Defizit im effizienten Umgang mit der eigenen Befindlichkeit andichten.

Die sind aber genau so scheiße dran wie man selbst. Das wäre zuviel Aufwand.

Post

Würde wenn er sollte, dürfte wenn er könnte

In Unkatzegoriert on 7. Februar 2008 von Mark Mit Tag(s) versehen: , , , , , , , ,

Es hatte vor und nach ihm niemanden mehr gegeben, der Verletzungen mit einem derart gelassenen Stoizismus hinnahm. Man hätte beinahe denken können, dass er kein Mensch wäre, sondern eine vor sich in funktionierende Maschine, deren Zahnräder – die zwar rostig und zerschlissen aber dennoch in der Lage waren, die ihnen zugedachte Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit zu erfüllen – unweigerlich immer weiter ineinander griffen, ganz egal was man dazwischen warf.

Ob Schmähreden oder Stockschläge auf die Schienbeine, alles prallte vermeintlich an ihm ab, hinterließ keine verräterischen Spuren im Schnee, die etwaige Verfolger zu ihm führen könnten. Wenn sich Narben in seine Haut schrieben, dann musste das auf der Innenseite seiner leiblichen Hülle passieren, denn von außen war er makellos und frischgebürstet. ‘Klick Klack’ und ‘Krrk Krrk’ machte er, wenn er sich den ändernden Umständen anpasste und sich in neue Strukturen fügte und endlos die Gestalt änderte ohne je anders auszusehen.

Vielleicht war es auch dieses unerschütterliche Fügen in das Gerüst, welches ihm das Schicksal baute, das ihn letztendlich alles kostete, was er je gewesen war. Irgendwann ging er kaputt. Unreparierbar, unreparierbarer, am unreparierbarsten.

Post

Es gibt Kausalität und dann gibt es noch funktionale Dependenzen

In Allgemeines on 13. Januar 2008 von Mark Mit Tag(s) versehen: , , , ,

Trevor Williamson, in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts mit seinen Eltern eingewandert, stammte ursprünglich aus Rumänien. Sein Familienname ist eine im Englischen dem eigentlichen Familiennamen am besten entsprechende phonetische Adaption, auch wenn nichts Näheres darüber bekannt ist. Schon in jungen Jahren war er fasziniert von den bedeutenden Wissenschaftlern seiner Zeit, Albert Einstein und dessen Relativitätstheorie im besonderen.

1951 begann er sein Studium der theoretischen Physik, an einem Ort, dessen Name nicht verwundern dürfte: Princeton. Neben herausragenden intellektuellen Leistungen tat er sich auch mit seinen Leistungen als Sportschütze hervor, von 1952-1955 war er in den jährlichen Ivy League-Wettkämpfen immer auf den vorderen Plätzen zu finden. Nach Abschluss seines Studiums, kurz nach dem Tod seiner Eltern, wendete er seine volle Aufmerksamkeit der theoretischen Physik zu und trat dem IAS bei, dem Institute for Advanced Study, in dem er die nächsten zehn Jahre forschen sollte.

Was der Grund für seine Tat, die Motivation hinter seinem Handeln war, das haben sich viele seiner Biographen gefragt und es oft auch nicht dabei belassen und die Grenze zur Spekulation weit überschritten. Belegt ist nur eine Anekdote, ein Zusammentreffen von Trevor Williamson mit Robert Oppenheimer, letzterer bereits geprägt von dem Misstrauen, dass ihm von offizieller Seite aus entgegengebracht wurde. Dieses Zusammentreffen, was Oppenheimer danach in Briefen an Freunde schreiben sollte, beinhaltete eine nicht unbeachtliche Quantität an auf beiden Seiten konsumierten Alkoholika und gipfelte schließlich in dem Wetteinsatz von zehntausend Dollar, den Oppenheimer zu zahlen bereit war, falls es Williamson gelingen sollte, ihm einen Beweis für seine Behauptungen zu erbringen.

Mit Eifer machte sich Williamson an die Arbeit, die er 1965 mit einem erfolgreichen Feldtest abschließen konnte: Er hatte einen Weg gefunden, in der Zeit zu reisen, genauer gesagt in die Vergangenheit. Nun musste er nur noch seine These überprüfen. Diese besagte die Unmöglichkeit einer nachträglichen Veränderung der Geschichte, etwas das Oppenheimer vehement bestritten hatte. Da der logistische Aufwand der Punkte, anhand derer er dies mit Oppenheimer diskutiert hatte – Verhinderung des Bombenabwurfs oder ein früherer Tod Hitlers – ihm als ungerechtfertigt hoch erschien, entschied sich Willamson für eine einfachere, aber dennoch ebenso angemessene Alternative. Er beschloss, an einen ihm bekannten Punkt an einem bestimmten Ort in die Vergangenheit zu reisen und seinen eigenen Großvater zu töten.

Was ihm auch gelingen sollte. Trevor Williamson war somit der erste Mensch, der in der Zeit zurückreiste und seinen eigenen Großvater tötete. Trevor Williamson war somit auch der erste Mensch, der nie existierte.