Es gibt eine gängige, oft auch in dieser Form beobachtbare Selektivität bei der Auswahl der relevanten Nachrichten für bestimmte Bezugsgruppen, oder, wenn man beispielsweise eine mediale Publikation betreibt, deren Ort in der Medienlandschaft erstmal egal ist, für ein bestimmtes Publikum. Diese Einengung und Auswahl von Nachrichten – und entsprechend auch Nachrichtenquellen – ist der erste Schritt der Konstruktion und Reproduktion eines internen Weltbildes dieser Bezugsgruppe, und das ist in diesem Fall völlig neutral gemeint, denn ohne Selektivität oder verwandte Funktionen könnte keine Instanz (nicht die juristische, hier passt eher der Instanzbegriff, wie er in der Informatik zu finden ist) der Welterfahrung stattfinden. Denn mit einer komplett ungefilterten Wahrnehmung bewegt man sich leicht in den Bereichen, die, berechtigt oder nicht, als Krankheit angesehen werden. Aber das soll nicht das Thema sein.
Ein Medium, welches mit seinen Inhalten eine bestimmte Gruppe bedient, kann nur immer das kommunizieren, was je nach Publikumsstruktur, Reichweite und geschichtlicher und sozialer Position auch angenommen werden kann. Das dabei eigentlich alles – auch explizit Themen, die dem eigenen Zusammenhang nicht unbedingt nahe stehen – als potentielle Quelle einer Nachricht und des Nachrichteninhalts herhalten kann, gehört ebenso dazu wie der Schnaps zum Herrengedeck. Niklas Luhmann hat in der Realität der Massenmedien dies, und das beinhaltet auch schon den zweiten Schritt der Konstruktion und Reproduktion eines gruppenspezifischen Weltbildes, als Universalzuständigkeit für die eigene Funktion bezeichnet. Man deckt alles ab, kann es aber nur innerhalb der Grenzen, die dem eigenen Operieren gesetzt sind, tun. Im ersten Schritt die Selektion, in Form der Frage ob etwas als Nachricht für das eigene Publikum interessant ist, und im zweiten Schritt die Integration dieser Nachricht in die eigene Konstruktion der Welt.
Ein kleiner Einwurf: Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, das damit jedem noch so hirngespinstigen Weltbild Tür und Tor offen steht, ist dem nicht so. Denn die Grenze unserer Erkenntnis ist die Grenze dessen, was wir in einem anerkannt nachvollziehbaren – und damit auch wiederholbarem, falsifizerbarem, logischem, sprich: wissenschaftlichem – Kontext beobachten können. Und sorry, deine Theorie über internationale Klimaverschwörungen, Selbstheilung durch Handauflegen oder Nazi-Flugscheiben aus dem Weltall gehört nicht dazu.
Zurück aber zur Selektivität und Aufbereitung, den zwei Schritten, die für das anvisierte Publikum als Motivation fungieren, eine Nachricht in den eigenen Welthorizont zu integrieren. Da gibt es ein sehr schönes aktuelles Beispiel, das gerade die Runde durch die Medienlandschaft macht: Die Beobachtung, dass das Sonnensystem, oder besser die durch das Zusammentreffen von Sonnenwind und interstellarer Materie definierte Heliosphäre asymmetrisch sei, Dellen aufweise und zudem auch stark oszilliere. So weit so gut, Weltraumforscher werden sich immer über neue Daten freuen und ihre Modelle dementsprechend modifizieren, nehme ich an. Aber betrachten wir mal die Aufbereitung dieses Ereignisses in anderen Medien, die nicht die Wissenschaftlergemeinschaft als Publikum haben: Ein Problem, das immer auftreten kann, ist die Übersetzung wissenschaftlicher Rhetorik in eine allgemein, oder zumindest für andere Publika verständliche Sprache, denn eines darf man bei der Kommunikation nicht sein: unverständlich. Das wird aber bei Wissenschaft.de, die offenbar die Pressemitteilung von ddp wiedergeben, elegant gelöst. In aller Kürze zwar, aber trotzdem mit genügend Hintergrundinformationen, um von jedem, auch wenn er vielleicht erst einige Grundbegriffe aus der Schulzeit wieder nachschlagen muss, verstanden zu werden. Dabei fällt vor allem die fast schon rohe Faktitzität der Formulierung auf, was aber nicht verwunderlich ist, da eine Pressemitteilung das verbindende Element zwischen Nachrichtenanbieter und Nachrichtenverbreiter ist.
Die mediale Aufbereitung einer Nachricht ist dann, nach der Auswahl, auch der springende Punkt, an dem sich erkennen lässt, wie und an welches Publikum kommuniziert wird und was letzten Endes für ein Weltbild dahintersteht. Vor allem bei der Bezugnahme auf weitere publikumsinterne Kontexte kann diese deutlich werden, an der Auswahl der Anknüpfungspunkte, mit denen Bedeutung mit den Elementen des eigenen Horizonts verbunden wird. Der Artikel bei Telepolis ist in dieser Hinsicht noch relativ zahm und lädt wenig zu Kritik ein. Eine etwas umgangssprachlichere Aufbereitung der wissenschaftlichen Ergebnisse, zudem noch verschönt mit einer historischen Verortung der Ergebnisse: die Bezugnahme auf frühere Messdaten und deren Interpretation durch die Verlinkung eines älteren Artikels. Schöner kann man die Historizität von wissenschaftlichem Vorgehen – und auch die damit einhergehende stetige Verfeinerung wissenschaftlicher Erkenntnis – nicht darstellen. Auch wenn, das muss vor allem in Hinblick auf das letzte Beispiel erwähnt werden, das Aufgreifen vermeintlich ‘außerirdischer Freunde’ im Anrisstext nur unter dem Diktat der medialen Aufmerksamkeitsökonomie entschuldbar ist.
Ganz anders sieht es bei io9 aus, dem Tummelplatz für Nerds, an dem man neben den Schauwerten öfter auch intelligente Sachen über Science Fiction finden kann. Dort widmet man dieser Nachricht gerade mal den spärlichen ersten Absatz, um danach gleich in eine nur durch pure Ähnlichkeit mit einem fiktionalen Konzept legitimierte Fragestellerei abzudriften – die zudem auch schon in der Überschrift angelegt ist. Trotz der in der dortigen Formulierung sichtbar werdenden eigenen Erkenntnis, dass der Vergleich mit dem Roman A Fire Upon the Deep eventuell hinken könnte, da dessen Autor Vernor Vinge sein Konzept der technologischen Singularität – welches für sich schon ein auf ein extrem spezialisiertes Publikum abzielt, und außerhalb dessen kaum bekannt oder anerkannt ist – aus Gründen der einfacheren Darstellung auf einer räumlichen statt zeitlichen Anordnung entwirft, bleibt es bei nichts anderem als einem Analogieschluss zur Begründung der eigenen Sichtweise. Und natürlich auch der des Publikums, welches, um es böse auszudrücken, hinter jedem Roboter, der nicht beim Treppensteigen über die eigenen Beine fällt, unter lautem Jubelschreien das technologische Utopia vermutet. Wenn das so ist, dann rettet Krombacher auch den Regenwald.